DIE H@LL9000 - REPORTAGE: 

Kronberger 
Spiele

Auf dem Autorenworkshop in Göttingen im Frühjahr 2003 präsentierte der Kronberger Spieleverlag mit seinem Spiel "Tom Tube" sein erstes, selbst aufgelegtes Spiel. Hinter dem Verlag aus der Stadt Kronberg (bei Frankfurt / Main) stehen die verschwägerten Tobias und Roland Goslar. Wir hatten in Göttingen die Gelegenheit uns ausführlich miteinander zu unterhalten und die beiden humorvollen Hessen etwas näher kennen zu lernen. 
Im folgenden Interview erzählen uns die beiden Spieler und Autoren einiges über sich, sowie die Entstehung von "Tom Tube" und ihres Verlags:

Technische Daten


Tobias Goslar

Jahrgang: 1973
Wohnort: Kronberg
Familienstand: Ledig
Hobbies: Zeichnen, Spielen
Ausbildung: Dipl.-Ing. Architekt
Wie bestreitest Du Deinen Lebensunterhalt: als Architekt im Kronberger Architekturbüro Wolfgang Ott – Architekt BDA
Ludografie: Lauf- und Würfelspiele, mit denen ich in meiner Kindheit die gesamte Familie genervt habe, später Nuggets, Cronberg und Tom Tube

 


Roland Goslar 

Jahrgang: 1966
Wohnort: Kronberg
Familienstand:
Verheiratet, 
fünf Kinder
Hobbies: Kinder, Handball, Spielen
Ausbildung: Dipl.-Volkswirt
Wie bestreitest Du Deinen Lebensunterhalt: Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl von Prof. Bertram Schefold für Wirtschaftstheorie
Ludografie: In meiner Schülerzeitung: ein Würfellaufspiel und eine Stadtrally, jetzt Nuggets, Cronberg, Tom Tube und eine Reihe Leichen im Keller, demnächst Migu.


Die Kronberger als Spieler: 

Seit wann gehört Spielen zu Euren Hobbys:
Tobias:
Konnte ich da schon denken?
Roland:
Seit ich meinen großen Bruder erstmals in Stratego geschlagen habe, so mit 5.
Welche Art von Spielen spielt Ihr gerne: 
Tobias: 
Ich tue mich mit Kategorien doch ein wenig schwer. Was sagt strategische Mehrheitenspiele, oder Partyspiele schon aus? 
Also lieber ein paar Titel: 

Löwenherz, Euphrat und Tigris, Siedler, Lost Cities, Ohne Furcht und Adel, Tabu, Werwölfe von Düsterwald (Mafia), Anno Domini.
Roland:
-Spiele, die mich überraschen: 
   Squad 7, Magic.
-
Schnelle, trickreiche Spiele: 
   Skat, DoKo, Sticheln, Liftoff.
 
-Kommunikative Spiele: 
   Nobody is perfect, Anno Domini,
  Werwölfe

-Bier- und Brezelspiele: 
   Isis&Osiris, Bauernschlau,
   Cronberg.
 
-Spiele die Frauen mitspielen: 
   Lost cities, Siedler.
-
Spiele mit neuen Mechanismen: 
   Fette Autos, Tom Tube, Puerto Rico.
Welche Spiele gehören zu Euren Favoriten des Jahrgang 2002/2003? 
Tobias:
… bin leider kaum noch zum Spielen von anderen Spielen gekommen: Trans America, weil’s schön schnell und einfach ist, Cartagena-Online – besser als die Brettvariante
Roland:
Bang!, Anno Domini, Maniki, Geheimnis der Abtei.
Welche drei Spiele würdest Du auf eine einsame Insel mitnehmen (sofern Du dort gleichgesinnte treffen würdest): 
Tobias:
Löwenherz, Euphrat und Tigris, Tabu
Roland: 
Nuggets und unseren Rautenentwicklungskoffer, nen Haufen Kartenspiele, Vinci.

Die Kronberger als Autoren und Verleger: 
nuggets detail
Der Prototyp von Nuggets, 
die erste Idee von Roland und
Tobias Goslar, noch vor Gründung
des Kronberger Spieleverlags.

Wann entstand die Idee des Eigenverlags? Von wem stammt die Idee? Wer war der Hauptinitiator?

Die Idee reifte Ende 2002 nach zwei knappen Ablehnung Tom Tubes durch zwei große Spieleverlage. Bei „Achmed“ beim Bier nach drei Partien Tom Tube, waren wir uns einig, dass wir mit dem Spiel nicht weiter hausieren gehen wollten. Tom konnte uns als Hauptinitiator überzeugen, zumal Drifting Dave auch seinen Segen gab. Corto Maltese klopfte uns danach auf die Schulter und schaute verträumt in die Ferne.


Wieso gerade "Kronberger Spiele"? 

Weil unser Anwalt vom Titel Ravensburger abgeraten hat. Und die Internetpräsenz GoGo-Boys war schon vergeben. Abgesehen davon ist Kronberg eine schöne Stadt mit klangvollem Namen, die sogar als Spieletitel etwas her macht.

Erzählt ein wenig über die Entwicklung von "Tom Tube" von der Grundidee über Versuche bei Verlagen bis hin zur Eigenproduktion. 

major tom detail
Der Prototyp von Tom Tube 
hieß damals noch Major Tom

April 2002: Wir hatten gerade zwei Rauten-Spiele bei mehreren Verlagen im Testlauf und wussten nicht, was wir in Göttingen 2002 Neues präsentieren sollten. Von der Stärke der Rauten und Dreiecke überzeugt, wollten wir weitere typische Mechanismen mit ihnen kombinieren und ein Laufspiel basteln. Der erste Prototyp hatte die Röhren bereits genauso auf den Rauten, wie das fertige Spiel. Sie waren aber neutral, jeder konnte alle Wege benutzen. Durchschweben der Röhren und Raumsprünge gab es noch nicht. Es ging darum die entstehenden Gebiete zwischen den Röhren zu besetzen. Das ganze war nichts und blieb zwei Wochen liegen. Nachdem Roland die Rauten in zwei Farben angemalt hatte, kam langsam Bewegung ins Spiel. In kleinen Schritten zogen die Astronauten zu ihren Wegpunkten, eine elende Zähl- und Blockiererei. Oma Ulla, Geometrielehrerin, hat Tom einfach schneller bewegt und Architektin Steffi ließ die Pöppel springen. Gleichzeitig testeten wir viele Anordnungen der Stationen auf dem Spielplan: Flach am Rand oder halb im Feld, mit ein oder zwei Startkugeln, die voll- oder unvollständig waren. Verschieden große Dreiecksraster wurden gemalt und wir waren froh, dass gerade das spielerisch angenehmste mit der doppelten Anzahl aller Röhrenpermutationen korrespondierte. Eine Auswahl oder Ungleichgewichtung wollten wir auf keinen Fall. Sackgassen und isolierte Kugeln sprangen uns in Auge und kriegten einen Schatz-Stein. Am längsten haben wir an der Wertung rumgeschraubt und optimiert. Lange wurden die Energie-, Kontroll,- und Aliensteine noch mit zwei multipliziert, wenn man einen Solarstein hatte und mal drei, wenn man beide hatte: Mehr Rechen- als Bewegungsspiel. Als letztes haben wir den Kontrollsteinen eine Funktion gegeben, wodurch die Taktiken vielschichtiger wurden und einen Startenergiestein eingeführt, damit Anfänger nicht zu leicht festgenagelt werden

Mit Euren Figuren für die "Special Edition" von Tom Tube, habt Ihr heiße Erfahrungen gemacht. Was ist da genau passiert? 


Alle Zinnfiguren wurden in 
Eigenproduktion hergestellt. 
Bei der Bemalung half die 
ganze Familie mit!

Davon zeugen noch riesige Brandwunden und Narben... (andere würden dafür ins Brandingstudio gehen). Wie Opa Gerd sagt: „Ein Spiel – eine Narbe!“ Dabei sind wir einfach zu ungeduldig, reißen jede Gummiastro- nautenform auf und wundern uns, dass flüssiges Metall Spuren hinterlässt.

Welche wichtigen Erfahrungen habt Ihr mit Eurem Verlag gemacht? Was würdet Ihr heute anders machen? 

Man weiß einfach nichts. In Wernecks Leitfaden gibt es ne halbe Pflicht-Seite zum Thema, die IHK verweist einen an die teuersten Produzenten. Händler sind beleidigt, weil man Spiele übers Web verramscht. Kindergärten wollen Tombolaspenden. Post übern Teich braucht nen Zollaufkleber. Das Jungs mit dem gleichen Nachnamen immer Brüder sind. Das jemand Geld zahlt, für etwas, das ganz von einem selber stammt, ist ein irre gutes Gefühl. Steuerbrimbum und Schriftverkehr sind der Horror. Wir blauben inzwischen, dass die „death row“ ihren Namen zu Recht trägt. Für eine Erfolg muss einfach unglaublich viel zusammenkommen: Ein gutes Spiel, eine tolle Aufmachung, zuverlässige Vertriebspartner, ein Steuerfachmann, geduldige Geldgeber und viel, viel Glück.

Ansatzpunkte für die Förderung weiterer Kleinverlage könnten sein: 
Eine Spielpreisbindung, zumindest Untergrenze: Die Buchpreisbindung sollte vielleicht nicht abgeschafft, sondern auf alles, was einen Autor hat, ausgedehnt werden. Ein Internetportal mit hervorragendem Webmaster. Ein kostenloser Steuerberater, Kontaktvermittlung zu Designstudenten und Informatikern etc.

Insgesamt: Es ist einfach toll einen eigenen Verlag zu haben, alle Entscheidungen zu treffen, eine eigene Kiste in Händen zu halten, die genau so ist, wie wir es konnten und persönlich für die Pleite verantwortlich zu sein.

Wir bereuen nichts und würden alles anders machen.

Rundgang durch die Redaktion:

Jeder Großverlag fängt klein an! 
Ein Rundgang bei Kronberger Spiele zeigte, dass die ersten infrastrukturellen Schritte für den angehenden Marktführer bereits eingeleitet sind:


Der Arbeitsplatz der Redaktion


Ein riesiges Spielearchiv 


Das vollautomatisierte Hochregallager


Chef der Lagerwache


Stellvertretender Chef der Lagerwache


Der durchorganisierte Vertrieb


Die Kantine mit reichhaltigen Menüs

Ihr bietet auch Spiele zum Download an. So z.B. "Cronberg". Warum heißt es Cronberg und nicht Kronberg? Ist das der historische Name? (Sollte das Spiel wirklich einmal Ravensburg heißen?) 

ravensburg detail
Spielplan von "Ravensburg", 
bevor es dann in "Cronberg" 
umbenannt wurde. 

Ravensburg war ein Gimmick und wir haben eine frühe unausgegorene Version alea angeboten. Stefan Brück hat zu Recht abgewunken. Da im Spiel eine Stadt nach einem Brand, bei dem nur die Stadtmauer stehengeblieben ist, neu aufgebaut wird, bietet sich ein historisches Szenario an. Brände gab es sowohl in Ravensburg als auch in Kronberg, das früher Kronenberg, bzw. Cronberg oder Cronenberg hieß. Wir haben die Schreibweise mit C gewählt, da C ein schönerer und wohlklingenderer Buchstabe ist, außerdem wollten wir eine optisch Differenz zum Verlagsnamen.

Wird Cronberg irgendwann als fertiges Spiel bei Kronberger-Spiele oder einem anderen Verlag erscheinen? 

Wir arbeiten mit Harald Lieske an einer neuen Grafik, die viele Örtlichkeit aus Cronberg aufgreift und lebhafter umsetzt. In Essen 03 wir es erhältlich sein und es wird auch wieder eine limitierte Sonderedition geben. Der Prototyp wird aber weiterhin zum kostenlosen Download zur Verfügung stehen, das sind wir unseren asiatischen Fans schuldig..

Werden zukünftig mehr Spiele zum download angeboten? 

„Colorado“ ein fieses, aber lustiges Partyspiel sollte demnächst erscheinen. Das einzige was man dazu braucht ist eine Tüte Haribo Colorado J. Der Weg den Alea und zuletzt Amigo mit öffentlichen Testrunden in Essen eingeschlagen haben, gefällt uns sehr. Wir werden einen Nuggets-Tisch in Essen aufbauen und wollen „Nuggets“ anschließend online stellen, um möglichst viele Tester an den Tisch zu bekommen, bevor wir es veröffentlichen. 

Möchtet Ihr zukünftig weitere Spiele produzieren und im Eigenverlag herauszubringen? 

Wenn wir uns finanziell mit Tom Tube und Cronberg nicht völlig ruinieren – sehr gerne. 

Welches Spiel wird als nächstes von Euch erscheinen? 

Cronberg. Goldschürfen am Klondike.


Vielen Dank für das sehr informative und interessante Interview. Die Qualität von "Tom Tube"  lässt uns natürlich auf weitere Spiele hoffen und setzt hohe Erwartungen! Wir wünschen Euch in jedem Fall viel Erfolg bei der Umsetzung Eurer Pläne! 

Die Redaktion

 

Dies ist eine Reportage der
HALL 9000 - Spiele, Spaß und Freizeitgestaltung im Rhein-Neckar-Raum
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