Team
Annaberg
Marcel-André
Casasola-Merkle
Christwart
Conrad
Jens-Peter
Schliemann
Bernhard
Weber

DIE H@LL9000 - REPORTAGE: 

Team Annaberg: 
Christwart Conrad


Technische Daten

Jahrgang: 1957
Wohnort: Bonn
Familienstand:
verheiratet. Auf meine 3 Kinder ist der Funke der Spielleidenschaft in ganz unterschiedlichem Maße übergesprungen.
Hobbies:
außer SPIELE: Tanzen, Comix, Science Fiction, Hörspiele, Kabarett, Sauna
 

Ludografie:  


Brettspiele:
- Der Wüstentruck (Braintrust Games)
- Zoff in Buffalo (F. X. Schmid)
  (dazu in Miniauflage Erweiterung für 6 Spieler: Farmer's Land)
-
Pfeffersäcke (Goldsieber) / Medieval Merchants (Rio Grande)
- Vino (Goldsieber / Rio Grande)
- Von nix kommt nix (Brot für die Welt) 
- Nuggets (Winning Moves Deutschland) 

Spiele in Zeitschriften:
- Kanzlerwahl (Pöppel Revue Sonderheft zur SPIEL '95 Wahlspiele)
- Durchmarsch (Spielbox 4/98)
- Auf nach Oklahoma (Spielbox 3/99)
- Strandläufer (Spielbox 2/02)
- Die Katharer (Spielbox 5/04)

Großgruppenspiele (Miniauflage):
- Aktion Falschmünzer
- Besiedlung
- Gebrauchtwarenhändler
- Kanzlerwahl
- Interessenvertretung in der Schule
- Das große Tauschen
- Rohstoffe und Knowhow 
 


Christwart Conrad persönlich:


Seit wann gehört Spielen zu deinen Hobbies?


Seit ca. 1964

 

Welche Art von Spielen spielst du gerne?


Da dies sehr sehr viele sind, ist es am einfachsten, erst einmal einige Ausschlusskriterien zu nennen. Für Spiele, die länger als 4 Stunden dauern, habe ich in der Regel nicht genug Sitzfleisch. Wenn die Anforderungen an das Gedächtnis überhandnehmen, verliere ich das Interesse. Karten bei Stichspielen nachzuhalten ist aber noch dicke drin. Da ich als Linkshänder gleich 2 linke Hände habe, liegen mir Spiele, wo es auf manuelle Geschicklichkeit ankommt, überhaupt nicht.
Im Gegensatz zu den meisten anderen Spielern nehme ich überhaupt keinen Anstoß an politisch unkorrekten Themen; ich habe sogar eine gewisse Freude am Makabren. Den Wargames und den meisten Fantasyspielen kann ich aber dennoch nichts abgewinnen, da sie mir strukturell zu banal sind. 
Daraus lässt sich im Umkehrschluss ableiten, dass mir Neuartiges besonders gut gefällt. Ein Faible habe ich für abstrakte 2-Personen-Spiele, sofern sie nicht langwierige Strategien, sondern originelle Taktiken erfordern. Da gibt es eine große Überschneidung mit Jens-Peters Interessen.

Die intellektuelle Herausforderung empfinde ich als Vergnügen. Rechnen beim Spielen z. B. ist für mich keine Arbeit, solange man weder Taschenrechner noch Stift und Papier benötigt.
Ich bin ein überzeugter Face-to-Face-Spieler - ehe ich mit Maschinen spiele, löse ich lieber Solitär-Rätsel. Das liegt sicherlich daran, dass ich im Laufe der letzten Jahrzehnte mir so viele Spielgelegenheiten geschaffen habe, dass ich mich nicht auf Behelfskonstrukte einlassen muss.

 

Das heißt, dir kommt es mehr auf das Wie an?

Ja. Die Spielsituation ist immer auch eine soziale, in der man - zwar im Rahmen der Regel, aber doch weit über die Vorgaben des konkreten Spiels hinaus - mehr oder weniger engagiert das Spiel mit Leben füllt. Was wäre ein RISIKO, ein SIEDLER, ohne dass man über sein Schicksal jammern und gegen den Gegner hetzen könnte, was wäre ein BLUFF ohne die irritierenden Sprüche, mit denen man einen Mitspieler zur Verzweiflung bringen kann? Je eher ein Spiel dies ermöglicht, desto besser gefällt es mir.
Und nach diesem Kriterium suche ich mir auch meine Mitspieler aus. Anders ausgedrückt: Objektive Qualitäten eines Spiels werden meist durch den situativen Kontext und die Eigenschaften der Mitspieler überlagert.

Dessen ungeachtet reizt es mich trotzdem nicht selten, die Tiefe eines Spiels auszuloten - und um es schneller zu erfassen, beteilige ich schon einmal den Gegner an meinen Überlegungen und spiele spielen. 

Welchen Stellenwert haben Schachtelspiele für dich?

Einen überaus hohen in meinem Leben. Seit frühester Kindheit bin ich fasziniert von einer Schachtel, die nicht nur ein bestimmtes Material enthält, sondern auch eine zunächst unsichtbare Spielidee, die erst durch Anwendung der Anleitung zum Vorschein kommt. Gerne hatte ich zu reinem Selbstzweck Varianten ausgedacht, wovon ich auch heute noch manchmal die Finger nicht lassen kann, allerdings nur noch, wenn mir zu einem aufgestoßenen Problem eine Lösung einfällt. Als Kind war ich mangelversorgt und habe die beiden einzigen anspruchsvolleren Spiele, die ich besaß, nämlich Wild Life und Monopoly, kombiniert und in einer simulierten Mehrpersonenversion allein gespielt. Geheimer Favorit war dabei immer der Blaue, eine Spielerfarbe, die ich auch heute noch vehement bevorzuge.

Und die anderen Spiele?

Meine Spieleleidenschaft dehnt sich seit jeher auch auf Nichtvermarktbares aus. Z.B. spiele ich auf langen Autofahrten mit meiner Tochter "Zahlen übetrumpfen": Jeder denkt sich eine beliebige natürliche Zahl. Beide sagen sie laut (und ehrlich). Die höhere Zahl gewinnt, aber nur, wenn sie nicht mehr als 10 größer ist als die kleinere Zahl, die in diesem Falle gewinnt. Wer zuerst 10 Siegpunkte hat, hat ein Match gewonnen.
Besonders faszinieren mich Gruppenspiele mit Brettspieleigenschaften.

Gibt es die überhaupt?

Ja, da gibt es eigentlich sehr wenige, sodass ich mich berufen fühlte, eigene zu entwickeln. Inzwischen sind es gut 2 Dutzend, die ich an speziellen Wochen- und Wochenendterminen anbiete. Hinzu kommt ein besonderes Gruppenerlebnis, wenn man zu zehnt oder zwanzigt gemeinsam spielt. Ist aber nicht jedermanns Sache, wie ich gemerkt habe. Und Chancen zur Vermarktung sehe ich (noch) nicht.

Und wie funktioniert so ein Gruppenspiel?

Schon wenn man ein - halbwegs anspruchsvolles - Brettspiel zu mehr als zu viert spielen will, taucht das Problem der langen Wartezeiten und des geringen Einflusses auf. Die Lösung: Die Spieler agieren in vielfacher Form gleichzeitig, z.B. indem sie parallel verhandeln, Dinge tauschen usw. Durch Koalitionsbildung und Mannschaftswertung gewinnt der eigene Einfluss wieder an Bedeutung.
Außerdem erhält hier der kommunikative Aspekt, der mir ja besonders am Herzen liegt, ein viel stärkeres Gewicht. Wenn man keine Spielfigur als Repräsentant auf dem Brett verschiebt, sondern selber auf die anderen Spieler zugehen kann (muss), wird das Spielerlebnis um weitere Dimensionen bereichert; zwangsläufig lernt man die Persönlichkeitsfacetten der anderen besser kennen. Die Möglichkeiten zur Semikooperation (Stichwort: Verrat und Vertrauen; ökonomische Spieltheorie), dessen Potenzial mich bei jedem Mehrpersonenspiel fasziniert, werden dann noch vielschichtiger und impliziert oft eine politische Qualität.
 

Welche Spiele gehören zu deinen Favoriten des Jahrgang 2004?  

  • ST. PETERSBURG. Da trifft alles zu, was ich eingangs als Kriterium genannt habe. Zur Zeit mein absolutes Lieblingsspiel. Muss schon als Trost nach einem mäßigen Spiel immer auf den Tisch.

  • RAJA

  • ZUG UM ZUG

  • EINFACH GENIAL

  • Von den diesjährigen Essener Neuheiten, die ich bereits gespielt habe, gefällt mir GOLDBRÄU am besten.

Welche drei Spiele würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen (sofern du dort  Gleichgesinnte treffen würdest)?  


Wenigstens ein Kartenspiel, denn in diesem Genre fühle ich mich als Spieler sehr zuhause. Nichts geht über den Wiederholungsreiz eines guten Stichspiels. Ich entscheide mich für ein altes KARRIEREPOKER bzw. HOLLYWOODPOKER, weil man mit den je 13 Karten in 8 Farben auch noch viel andere Spiele rekonstruieren kann. Und sie bieten eine optimale Basis für weitere Entwicklungen.
Für ein 1830 ist auf der einsamen Insel Zeit; da gilt die Spieldauerbegrenzung natürlich nicht.
Als drittes nehme einen eigenen aufwändigen Prototypen mit sehr viel Material mit: RECYCLING. Die Gleichgesinnten sind ja laut Voraussetzung schon da.

Natürlich liegt es nahe, Spielmaterial mitzunehmen, mit dem man sehr viele verschiedene Spiele spielen kann. Wenn es nur 3 Spiele sein sollen, stellt sich die Frage anders: Welche 3 Spiele würde ich dort spielen, ohne dass ich mit gleichem Spielmaterial die Auswahl erhöhe?

Wenn ich dort bis an mein Lebensende verweilen müsste, muss ich eine andere Antwort geben. Wie schon gesagt, haben Kartenspiele einen von Brettspielen meiner Ansicht nach nicht erreichbaren Wiederholungsreiz. Wenn ich nicht tricksen darf und mit einem Romméblatt eine ganze Palette von Spielen wie Skat und Doppelkopf einschließen kann, dann lautet meine Antwort:
DOPPELKOPF, TICHU, & DURAK
Traditionelle Kartenspiele haben sich eben nicht zufällig durchgesetzt.