Rezension/Kritik - Online seit 03.06.2001. Dieser Artikel wurde 9519 mal aufgerufen.

Age of Aventinus

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Autor: Angerer der ltere
Verlag: Private Weissbierbrauerei
Rezension: Roman Pelek
Spieler: 2 - 4
Dauer: 30 - 45 Minuten
Alter: ab 6 Jahren
Jahr: 2000
Bewertung: 1,2 1,2 H@LL9000
1,0 1,0 Leser
Ranking: Platz 5921
Age of Aventinus

Inhalt und Kritik

Rauschhafte Strategieabenteuer im Mensch-rgere-Dich-Nicht-Land:

Die Zeit der weien Ritter ist gekommen, wie uns die Spielanleitung belehrt. Bei Age of Aventinus geht es darum, die Burg der weien Ritter, welche durch missgnstige Mchte verzaubert wurde, zurckzuerobern, um die Besitzansprche an den Gral des Aventinus geltend zu machen - jenem sagenumwobenen Relikt, das viele Tugenden in sich vereint. Wohlan, so folgen wir dem hehren Ziel dieses Spiels, das fr 50DM bei der Schneider Brauerei zu erwerben ist. Denn es handelt sich um ein Werbespiel, das laut Schachteltext von Angerer dem lteren entworfen wurde.

Einmal zusammengebaut, zeigt der Spielplan vier verschiedene Lnder mit Lagerzelten und Ereignisfeldern, die sich um die zentrale, aus Wellpappe dreidimensional hervorragende Burg in der Mitte des Plans gruppieren. Von hier aus starten die vier Spieler mit je vier Rittern ihren Sturm auf die Burg der weien Ritter zwecks Rckeroberung. Jene welche bestehen aus Kronkorken mit per Hand einzupressenden Pappscheiben, welche die Spielerfarbe zeigen. Reihum wird gewrfelt und gezogen, um die eigenen Ritter der Burg nher zu bringen, gegnerische zu schlagen, Ereignisse in Anspruch zu nehmen oder gar die Zinnen der Burg zu erklimmen, um dort die Herrschaft anzumelden. Spielziel ist es, mit den eigenen vier Figuren die vier Trme der Burg zu erklimmen und zu besetzen oder nachzuweisen, dass dies nicht mehr mglich ist. Leider schweigt sich die Spielanleitung in diesem Punkt aus, ob demjenigen der Sieg vergnnt ist, der als erster merkt, dass kein Sieg mglich ist, oder welcher Gestalt der eigene Vorteil bezglich des Spielsieges sein soll, wenn keiner der Spieler mehr ber vier Ritter verfgt, um zu gewinnen.

Auch ansonsten bietet die auf den ersten Blick gut strukturierte und grafisch schn gestaltete Spielanleitung nicht gerade eine wirkliche Einstiegshilfe, sei es, was die Bezeichnung der Felder angeht, noch, wie in bestimmten Fllen beim Erklimmen der Burg vorzugehen ist. Darber hinaus fehlen Beispiele. So kurz die Lektre ist, so lange die Rtselstunde, worum es denn in diesem Spiel denn nun wirklich geht und welche spieltaktischen Mglichkeiten denn nun wie funktionieren sollen. Nun denn, als gebter Spieler vermag man spontan zu improvisieren, zwischen den Zeilen zu lesen und intuitiv zu deuten. Diese extrem spontane Phase bis zum eigentlich Spielbeginn nahm in unserer Runde ja auch nur die unbedenkliche Zeitspanne von ca. einer dreiviertel Stunde in Anspruch wie ich denke vertretbar fr ein Spiel dieser Komplexittsklasse, dessen Regeln immerhin 5-6 Din-A-5 Seiten in blindengerechter Schriftgre umfasst.

Wie dem auch sei, wir einigen uns und spielen los. Das heit, wir wrfeln und hoffen auf gewisse Augenzahlen und ziehen dann gem der vorgegebenen Pfeilrichtungen ber die Wege des Spielfeldes. Ab und an begegnen wir dabei auch Gegnern, die wir gewissenhaft schlagen. Daraufhin erklimmen wir die Zinnen der Burg und versuchen, vermittels einer 6 auf dem Wrfel mglichst viel Schaden bei den anderen Mitspielern anzurichten, indem wir sie nicht nur schlagen, sondern in den Kerker werfen, d.h. aus dem Spiel verbannen, sofern es der jeweiligen Person nicht gelingt, aus adquater Entfernung ihre Spielfigur auf die richtige Weise in die Pappburg zu werfen, so dass sie wieder aus einem der Tore heraustritt. Bei all dem fllt uns noch am Rande auf, dass eine Spielerfarbe es besonders leicht hat, da sie vermittels einer Ereigniskarte, die sie vor ihrem Startfeld in Anspruch nehmen kann, direkt auf die Burg springt, whrend wir anderen stndig von den Mauern in den Burggraben fallen. Naja, egal, wir wrfeln tapfer. Und ziehen dann. Und ziehen dann was anderes. Und dann machen wir irgendwas, von dem wir nicht genau wissen, warum wir es machen, da sich die Spielanleitung ber solche Sonderflle ausschweigt. Und irgendwann ist das Spiel dann zu Ende. Und dann merkt der Schreiber dieses Artikels, dass schlechter Spielstil mit schlechtem Schreibstil einhergeht und besinnt sich wieder der Ermahnungen ehemaliger Deutschlehrer, die er in die Tat umsetzt, indem er sich erst mal in einen nchsten Absatz hinberrettet.

Age of Aventinus, das Werbespiel fr gleichnamiges Bier, besticht durch viele durchdachte Elemente. Hier sei an erster Stelle die beispielhafte Reisetauglichkeit dieses Spiels genannt: von der quadratmeterraubenden Verpackung bis hin zur Wellpapporgie des Spiels selbst, welches voll aufgebaut jeden Parkbesitzer in Platznte treibt. Ideal fr das beschwingte Spielchen zwischendurch, vorzugsweise in der Touristenklasse kleinerer Fluggesellschaften, zumal es ja auch hervorragend ins Handgepck passt. Nur sollte sich niemand beschweren, wenn der Pilot daraufhin den nchstgelegenen Flugplatz ansteuert, um sich Spiel samt Spielern in sicherem Gewahrsam mehrerer weibekittelter Anhnger psychiatrischer Knste zu entledigen.

Aber auch die Spielmechanismen bereichern den Horizont des Kenners um einige nicht bekannte Elemente. Beispielhaft ist die Startbedingung, wenn alle vier Ritter einer Farbe noch in ihrem Heimatzelt verweilen: man wrfele nun als motivierter Ritter drei Mal, und sollte sich eine 6 auf dem innovativen Spielgert namens Wrfel zeigen, so bewege man einen der Ritter aus dem Huschen. Klassisch gut, um nicht zu sagen: einfach genial! Ebenso werden geschlagene Figuren in diesem auf Neuerungen bedachten Werk in nie gekannter Weise per Luftpost zurck auf ihren Ausgangspunkt namens Heimatzelt bewegt.

Sehr clevere taktische Elemente des Spiels bieten des weiteren die Ereigniskarten. Hier werden noch nie gekannte Ereignisse wie Ihr Pferd hat Durst. Geben sie der Runde einen aus. prsentiert. Die intuitiven Fhigkeiten der Mitspieler werden getestet: Sie sind einer der bsen Ritter. Tauschen sie mit ihrem linken Nachbarn. Nur: was um Gottes Willen? Den Platz? Die Spielfarbe? Das Bier? Pesos gegen Euro? Zigaretten? Es wird auf ewige Zeiten ein Rtsel bleiben, denn die Spielanleitung schweigt sich darber aus, dass dem Spiel berhaupt schon Ereigniskarten beiliegen, sondern gibt nur den guten Ratschlag, dass man sich Ereigniskartenvorlagen zum Selbstgestalten aus dem Internet herunterladen kann. Ein wahrlich weiser Ratschlag, der sicher mit offenen Armen in der Spielergemeinde aufgenommen wird.

Nicht verschwiegen werden soll zudem, dass sich langfristige strategische Planung bei Age of Aventinus klar auszahlt - denn wer den klugen Schachzug macht, zu Beginn des Spiels die Farbe Grn zu whlen wird ob der Ausgewogenheit der Ereigniskarten sogleich quasi mit einem Spielsieg ohne eigenes Zutun belohnt. Hierfr sorgt eine Ereigniskarte, die es einem ermglicht, ohne viel taktisches Zaudern die eigenen Ritter von der Haustr aus auf die Siegfelder, namentlich die Trme der Burg zu manvrieren. Kein langwieriges Wrfeln, kein Rausgeschmissenwerden einfach gradlinig aufs Ziel drauf. So lobe ich mir das warum einfach nicht mal Unfairness innovativ zum Spielprinzip erheben?

Die Krone, um nicht zu sagen die Seele des Spiels ist aber der Mechanismus, mit dem man gestrandete Ritter in Form von Spielfiguren, die ob grober taktischer Verfehlungen in den Kerker und somit gnzlich aus dem Spiel befrdert werden sollen, retten kann. Man bemchtige sich dieser Spielfigur und ziele so gut als mglich mit Augenma und werfe die Spielfigur (nochmals: Kronkorken!) so geschickt in die Pappburg in der Mitte des Plans, so dass sie unten aus einem Tor wieder heraus tritt. Ketzer mgen sagen, dass dies an ein bekanntes Beamtenspiel erinnert, in dem zerknllte Formulare mglichst treffsicher in den mehrere Meter entfernten Papierkorb geworfen werden sollen. Aber was wissen diese verirrten Stimmen schon Konstruktives zur deutschen Spielkultur beizutragen! Nebenbei hat dieses Spielelement einen sehr spannenden interaktiven Aspekt. Denn was macht Doris, die mir gegenbersitzt, wohl, wenn ich den Kronkorken statt in die Pappburg vermittels eines Abprallers ber die Zinnen des Wellpappkonstrukts, umgelenkt durch Franks noch nicht ergraute Schlfengegend, gezielt in ihr linkes Auge befrdere? Lachen? Weinen? Mich direkt verbal oder physisch zur Rechenschaft ziehen? Ihrerseits einen Ritter, informell Kronkorken, zwecks Beschdigung meiner physischen Integritt gegen mich schleudern? Das sorgt fr jede Menge Spannung, Spielspass, Streit, sprich: Interaktion!

Ebenso lobenswert ist hervorzuheben, wie dieses Werbespiel der Schneider Brauerei seine gewollte Wirksamkeit entfaltet. Keiner aus unserer Spielrunde konnte whrend des Genusses dieses Meisterwerks deutscher Spielkultur einen gewissen Drang nach alkoholischen Getrnken verhehlen. Hier muss eine beispielhafte Effektivitt konstatiert werden. Schn zu lesen, dass Age of Aventinus nicht nur in der Sparversion fr 50DM zu erhalten ist, die nur das Spiel enthlt. Nein, der anspruchsvolle Kunde wird fr nur 15DM Aufpreis zustzlich zum Spiel mit 8 Flaschen Aventinus beglckt. Hier sollten sich die namhaften Spielverlage ein Beispiel nehmen. Wie schn wre doch eine Royal Turf Deluxe Edition mit einem guten Portwein. Oder ein Vino mit einem Satz erlesener italienischer Tropfen. Da ist noch Potential, um den Spielkenner zu verwhnen und Versumnisse vergangener Jahre auszubgeln.

Lieber Ludwig Angerer, der sie sich Angerer der ltere nennen, sie bereichern die deutsche Spielszene um ein Meisterwerk. Dieses Spiel reiht sich nahtlos in ihre ruhmreiche Biografie ein, die unter anderem die Mitwirkung an der Verfilmung der Unendlichen Geschichte, architektonische Ttigkeiten beim Bau einer Erlserkapelle, Malerei und die Bhnenbildgestaltung einer Theaterauffhrung des Kleinen Hobbits in Hamburg (welche eigentlich?) fhrt. Ein Leonardo Da Vinci ist ein Waisenknabe angesichts ihres Schaffens.

Sicher, einige haben immer was zu meckern. Manche mgen ins Feld fhren, dass die Hintergrundgeschichte ihres thematisch dichten Spiel am Hefe, Entschuldigung, an den Haaren herbeigezogener, esoterisch verbrmter Fantasykitsch sei. Oder dass die Spielmechanismen nicht funktionieren wrden und eh nur eine misslungene Mensch-rgere-Dich-Nicht-Variante darstellen. Lassen Sie sich davon nicht irritieren, sie knnen es locker mit der ersten Liga deutscher Spielautoren aufnehmen. Verstehen sie mich nicht falsch: eigentlich knnen die ganzen Kramers, Teubers und Knizias einpacken. Ums letztendlich auf den Punkt zu bringen:

"Age of Aventinus ist das spielerische quivalent zu "Zlatkos" "Gesang" in der Vorausscheidung zum Grand Prix dEurovision. Ein Warnhinweis, das eigene knstlerische Schaffen nicht unbedingt so unverfroren auf Bereiche auszudehnen, in denen es besseres gibt wohlgemerkt viel, viel besseres. Wer die Grenzen des eigenen Talents nicht ziehen kann, dem sollen sie gezogen werden. Kurzum: dies ist kein Spiel, dies ist ein stummer Schrei nach Liebe. Ich empfehle dieses Spiel all jenen, die verzweifelt nach einem Grund suchen, sich hemmungslos betrinken zu drfen. In diesem Sinne: Prost!

Rezension Roman Pelek

Regelvarianten

In der Deluxe-Version mit 8 Flaschen Aventinus lsst sich "Age of Aventinus", dank der Zusatzausstattung, hervorragend alleine spielen.

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H@LL9000-Bewertungen

H@LL9000 Wertung Age of Aventinus: 1,2 1,2, 5 Bewertung(en)

Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz Kommentar
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 01.04.04 von Roman Pelek
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz Kommentar
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 01.04.04 von Claudia Hely
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz Kommentar
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 01.04.04 von Doris Hahn
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz Kommentar
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 01.04.04 von Frank Gartner
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz Kommentar
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 13.03.05 von Bernd Eisenstein

Leserbewertungen

Leserwertung Age of Aventinus: 1,0 1.0, 1 Bewertung(en)

Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz Kommentar
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 01.04.04 von Michael Schramm - Optisch ist das Spiel gar nicht mal so bel, aber schon der Aufbau des Spiels offenbart Schwchen des Materials: noch nicht einmal beim ersten Zusammenbau war es mglich, die Teile tatschlich plan aufzustellen, bei weiteren Versuchen( immerhin habe ich das Spiel viermal gespielt!) wurde es eher schlimmer. Der Anspruch des Spiels, das es auch um Taktik oder sogar strategische berlegungen geht, wurde zu 100% nicht erfllt, es ist eine hchstens durchschnittliche "Mensch-rgere-Dich-nicht"-Variante mit teilweise undurchdachten Regeln (z.B. Besteigen des Turms, Ereigniskarten selbst erfinden etc.) Wenn man das Spiel als MDN-Derivat in Form eines Werbespiels fr eine Brauerei auf den Markt gerecht htte und dafr inkl. einer Kiste Bier vielleicht 25-30 DM verlangt htte, wre sicher jeder zufrieden gewesen. Fr den hier avisierten Preis von DM 50,-- kann man das Spiel keineswegs empfehlen, es ist vielleicht eine nette Raritt fr Spielesammler mit dem Gebiet "Werbespiele" oder MDN. Die Diskrepanz zwischen eigenem Anspruch und der Realitt ist mir bei Spielen selten so aufgefallen wie hier, vielleicht fehlt mir aber auch die knstlerische Fhigkeit, die wohl zum Verstndnis des Spiels ntig ist. Nur fehlten diese Fhigkeiten dann auch allen bisher beteiligten Mitspielern, immerhin 14 Personen mit langjhriger Spielerfahrung und zumeist hherwertigen Bildungsabschlssen. Oder wir waren einfach nicht die Zielgruppe, die dem Autor vorschwebte. Vielleicht kann er ja mal etwas dazu sagen!

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