Rezension/Kritik - Online seit 03.06.2001. Dieser Artikel wurde 8929 mal aufgerufen.

Age of Aventinus

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Autor: Angerer der Ältere
Verlag: Private Weissbierbrauerei 
Rezension: Roman Pelek
Spieler: 2 - 4
Dauer: 30 - 45 Minuten
Alter: ab 6 Jahren
Jahr: 2000
Bewertung: 1,2 1,2 H@LL9000
1,0 1,0 Leser
Ranking: Platz 5173
Age of Aventinus

Inhalt und Kritik

Rauschhafte Strategieabenteuer im Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Land:

Die Zeit der weißen Ritter ist gekommen, wie uns die Spielanleitung belehrt. Bei „Age of Aventinus“ geht es darum, die Burg der weißen Ritter, welche durch missgünstige Mächte verzaubert wurde, zurückzuerobern, um die Besitzansprüche an den „Gral des Aventinus“ geltend zu machen - jenem sagenumwobenen Relikt, das viele Tugenden in sich vereint. Wohlan, so folgen wir dem hehren Ziel dieses Spiels, das für 50DM bei der „Schneider Brauerei“ zu erwerben ist. Denn es handelt sich um ein Werbespiel, das laut Schachteltext von „Angerer dem Älteren“ entworfen wurde.

Einmal zusammengebaut, zeigt der Spielplan vier verschiedene Länder mit Lagerzelten und Ereignisfeldern, die sich um die zentrale, aus Wellpappe dreidimensional hervorragende Burg in der Mitte des Plans gruppieren. Von hier aus starten die vier Spieler mit je vier Rittern ihren Sturm auf die Burg der „weißen Ritter“ zwecks Rückeroberung. Jene welche bestehen aus Kronkorken mit per Hand einzupressenden Pappscheiben, welche die Spielerfarbe zeigen. Reihum wird gewürfelt und gezogen, um die eigenen Ritter der Burg näher zu bringen, gegnerische zu schlagen, Ereignisse in Anspruch zu nehmen oder gar die Zinnen der Burg zu erklimmen, um dort die Herrschaft anzumelden. Spielziel ist es, mit den eigenen vier Figuren die vier Türme der Burg zu erklimmen und zu besetzen oder nachzuweisen, dass dies nicht mehr möglich ist. Leider schweigt sich die Spielanleitung in diesem Punkt aus, ob demjenigen der Sieg vergönnt ist, der als erster merkt, dass kein Sieg möglich ist, oder welcher Gestalt der eigene Vorteil bezüglich des Spielsieges sein soll, wenn keiner der Spieler mehr über vier Ritter verfügt, um zu gewinnen.

Auch ansonsten bietet die auf den ersten Blick gut strukturierte und grafisch schön gestaltete Spielanleitung nicht gerade eine wirkliche Einstiegshilfe, sei es, was die Bezeichnung der Felder angeht, noch, wie in bestimmten Fällen beim Erklimmen der Burg vorzugehen ist. Darüber hinaus fehlen Beispiele. So kurz die Lektüre ist, so lange die Rätselstunde, worum es denn in diesem Spiel denn nun wirklich geht und welche spieltaktischen Möglichkeiten denn nun wie funktionieren sollen. Nun denn, als geübter Spieler vermag man spontan zu improvisieren, zwischen den Zeilen zu lesen und intuitiv zu deuten. Diese extrem spontane Phase bis zum eigentlich Spielbeginn nahm in unserer Runde ja auch nur die unbedenkliche Zeitspanne von ca. einer dreiviertel Stunde in Anspruch – wie ich denke vertretbar für ein Spiel dieser Komplexitätsklasse, dessen Regeln immerhin 5-6 Din-A-5 Seiten in blindengerechter Schriftgröße umfasst.

Wie dem auch sei, wir einigen uns und spielen los. Das heißt, wir würfeln und hoffen auf gewisse Augenzahlen und ziehen dann gemäß der vorgegebenen Pfeilrichtungen über die Wege des Spielfeldes. Ab und an begegnen wir dabei auch Gegnern, die wir gewissenhaft schlagen. Daraufhin erklimmen wir die Zinnen der Burg und versuchen, vermittels einer „6“ auf dem Würfel möglichst viel Schaden bei den anderen Mitspielern anzurichten, indem wir sie nicht nur schlagen, sondern „in den Kerker“ werfen, d.h. aus dem Spiel verbannen, sofern es der jeweiligen Person nicht gelingt, aus adäquater Entfernung ihre Spielfigur auf die richtige Weise in die Pappburg zu werfen, so dass sie wieder aus einem der Tore heraustritt. Bei all dem fällt uns noch am Rande auf, dass eine Spielerfarbe es besonders leicht hat, da sie vermittels einer Ereigniskarte, die sie vor ihrem Startfeld in Anspruch nehmen kann, direkt auf die Burg springt, während wir anderen ständig von den Mauern in den Burggraben fallen. Naja, egal, wir würfeln tapfer. Und ziehen dann. Und ziehen dann was anderes. Und dann machen wir irgendwas, von dem wir nicht genau wissen, warum wir es machen, da sich die Spielanleitung über solche Sonderfälle ausschweigt. Und irgendwann ist das Spiel dann zu Ende. Und dann merkt der Schreiber dieses Artikels, dass schlechter Spielstil mit schlechtem Schreibstil einhergeht und besinnt sich wieder der Ermahnungen ehemaliger Deutschlehrer, die er in die Tat umsetzt, indem er sich erst mal in einen nächsten Absatz hinüberrettet.

„Age of Aventinus“, das Werbespiel für gleichnamiges Bier, besticht durch viele durchdachte Elemente. Hier sei an erster Stelle die beispielhafte Reisetauglichkeit dieses Spiels genannt: von der quadratmeterraubenden Verpackung bis hin zur Wellpapporgie des Spiels selbst, welches voll aufgebaut jeden Parkbesitzer in Platznöte treibt. Ideal für das beschwingte Spielchen zwischendurch, vorzugsweise in der Touristenklasse kleinerer Fluggesellschaften, zumal es ja auch hervorragend ins Handgepäck passt. Nur sollte sich niemand beschweren, wenn der Pilot daraufhin den nächstgelegenen Flugplatz ansteuert, um sich Spiel samt Spielern in sicherem Gewahrsam mehrerer weißbekittelter Anhänger psychiatrischer Künste zu entledigen.

Aber auch die Spielmechanismen bereichern den Horizont des Kenners um einige nicht bekannte Elemente. Beispielhaft ist die Startbedingung, wenn alle vier Ritter einer Farbe noch in ihrem Heimatzelt verweilen: man würfele nun als motivierter Ritter drei Mal, und sollte sich eine „6“ auf dem innovativen Spielgerät namens Würfel zeigen, so bewege man einen der Ritter aus dem „Häuschen“. Klassisch gut, um nicht zu sagen: einfach genial! Ebenso werden geschlagene Figuren in diesem auf Neuerungen bedachten Werk in nie gekannter Weise „per Luftpost“ zurück auf ihren Ausgangspunkt namens Heimatzelt bewegt.

Sehr clevere taktische Elemente des Spiels bieten des weiteren die Ereigniskarten. Hier werden noch nie gekannte Ereignisse wie „Ihr Pferd hat Durst. Geben sie der Runde einen aus.“ präsentiert. Die intuitiven Fähigkeiten der Mitspieler werden getestet: „Sie sind einer der bösen Ritter. Tauschen sie mit ihrem linken Nachbarn“. Nur: was um Gottes Willen? Den Platz? Die Spielfarbe? Das Bier? Pesos gegen Euro? Zigaretten? Es wird auf ewige Zeiten ein Rätsel bleiben, denn die Spielanleitung schweigt sich darüber aus, dass dem Spiel überhaupt schon Ereigniskarten beiliegen, sondern gibt nur den guten Ratschlag, dass man sich Ereigniskartenvorlagen zum Selbstgestalten aus dem Internet herunterladen kann. Ein wahrlich weiser Ratschlag, der sicher mit offenen Armen in der Spielergemeinde aufgenommen wird.

Nicht verschwiegen werden soll zudem, dass sich langfristige strategische Planung bei „Age of Aventinus“ klar auszahlt - denn wer den klugen Schachzug macht, zu Beginn des Spiels die Farbe „Grün“ zu wählen wird ob der Ausgewogenheit der Ereigniskarten sogleich quasi mit einem Spielsieg ohne eigenes Zutun belohnt. Hierfür sorgt eine Ereigniskarte, die es einem ermöglicht, ohne viel taktisches Zaudern die eigenen Ritter von „der Haustür aus“ auf die Siegfelder, namentlich die Türme der Burg zu manövrieren. Kein langwieriges Würfeln, kein Rausgeschmissenwerden – einfach gradlinig aufs Ziel drauf. So lobe ich mir das – warum einfach nicht mal Unfairness innovativ zum Spielprinzip erheben?

Die Krone, um nicht zu sagen „die Seele des Spiels“ ist aber der Mechanismus, mit dem man gestrandete Ritter in Form von Spielfiguren, die ob grober taktischer Verfehlungen in den „Kerker“ und somit gänzlich aus dem Spiel befördert werden sollen, retten kann. Man bemächtige sich dieser Spielfigur und ziele so gut als möglich mit Augenmaß und werfe die Spielfigur (nochmals: Kronkorken!) so geschickt in die Pappburg in der Mitte des Plans, so dass sie unten aus einem Tor wieder heraus tritt. Ketzer mögen sagen, dass dies an ein bekanntes „Beamtenspiel“ erinnert, in dem zerknüllte Formulare möglichst treffsicher in den mehrere Meter entfernten Papierkorb geworfen werden sollen. Aber was wissen diese verirrten Stimmen schon Konstruktives zur deutschen Spielkultur beizutragen! Nebenbei hat dieses Spielelement einen sehr spannenden interaktiven Aspekt. Denn was macht Doris, die mir gegenübersitzt, wohl, wenn ich den Kronkorken statt in die Pappburg vermittels eines Abprallers über die Zinnen des Wellpappkonstrukts, umgelenkt durch Franks noch nicht ergraute Schläfengegend, gezielt in ihr linkes Auge befördere? Lachen? Weinen? Mich direkt verbal oder physisch zur Rechenschaft ziehen? Ihrerseits einen „Ritter“, informell Kronkorken, zwecks Beschädigung meiner physischen Integrität gegen mich schleudern? Das sorgt für jede Menge Spannung, Spielspass, Streit, sprich: Interaktion!

Ebenso lobenswert ist hervorzuheben, wie dieses Werbespiel der „Schneider Brauerei“ seine gewollte Wirksamkeit entfaltet. Keiner aus unserer Spielrunde konnte während des Genusses dieses Meisterwerks deutscher Spielkultur einen gewissen Drang nach alkoholischen Getränken verhehlen. Hier muss eine beispielhafte Effektivität konstatiert werden. Schön zu lesen, dass „Age of Aventinus“ nicht nur in der „Sparversion“ für 50DM zu erhalten ist, die nur das Spiel enthält. Nein, der anspruchsvolle Kunde wird für nur 15DM Aufpreis zusätzlich zum Spiel mit 8 Flaschen „Aventinus“ beglückt. Hier sollten sich die namhaften Spielverlage ein Beispiel nehmen. Wie schön wäre doch eine „Royal Turf Deluxe Edition“ mit einem guten Portwein. Oder ein „Vino“ mit einem Satz erlesener italienischer Tropfen. Da ist noch Potential, um den Spielkenner zu verwöhnen und Versäumnisse vergangener Jahre auszubügeln.

Lieber Ludwig Angerer, der sie sich „Angerer der Ältere“ nennen, sie bereichern die deutsche Spielszene um ein Meisterwerk. Dieses Spiel reiht sich nahtlos in ihre ruhmreiche Biografie ein, die unter anderem die Mitwirkung an der Verfilmung der „Unendlichen Geschichte“, architektonische Tätigkeiten beim Bau einer Erlöserkapelle, Malerei und die Bühnenbildgestaltung einer Theateraufführung des „Kleinen Hobbits“ in Hamburg (welche eigentlich?) führt. Ein Leonardo Da Vinci ist ein Waisenknabe angesichts ihres Schaffens.

Sicher, einige haben immer was zu meckern. Manche mögen ins Feld führen, dass die Hintergrundgeschichte ihres „thematisch dichten“ Spiel am Hefe, Entschuldigung, an den Haaren herbeigezogener, esoterisch verbrämter Fantasykitsch sei. Oder dass die Spielmechanismen nicht funktionieren würden und eh nur eine misslungene Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Variante darstellen. Lassen Sie sich davon nicht irritieren, sie können es locker mit der ersten Liga deutscher Spielautoren aufnehmen. Verstehen sie mich nicht falsch: eigentlich können die ganzen Kramers, Teubers und Knizias einpacken. Um’s letztendlich auf den Punkt zu bringen:

"Age of Aventinus“ ist das spielerische Äquivalent zu "Zlatkos" "Gesang" in der Vorausscheidung zum Grand Prix d’Eurovision. Ein Warnhinweis, das eigene künstlerische Schaffen nicht unbedingt so unverfroren auf Bereiche auszudehnen, in denen es besseres gibt – wohlgemerkt viel, viel besseres. Wer die Grenzen des eigenen Talents nicht ziehen kann, dem sollen sie gezogen werden. Kurzum: dies ist kein Spiel, dies ist ein stummer Schrei nach Liebe. Ich empfehle dieses Spiel all jenen, die verzweifelt nach einem Grund suchen, sich hemmungslos betrinken zu dürfen. In diesem Sinne: Prost!

Rezension Roman Pelek

Regelvarianten

In der Deluxe-Version mit 8 Flaschen Aventinus lässt sich "Age of Aventinus", dank der Zusatzausstattung, hervorragend alleine spielen.

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H@LL9000-Bewertungen

H@LL9000 Wertung Age of Aventinus: 1,2 1,2, 5 Bewertung(en)

Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz Kommentar
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 01.04.04 von Roman Pelek
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz Kommentar
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 01.04.04 von Claudia Hely
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz Kommentar
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 01.04.04 von Doris Hahn
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz Kommentar
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 01.04.04 von Frank Gartner
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz Kommentar
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 13.03.05 von Bernd Eisenstein

Leserbewertungen

Leserwertung Age of Aventinus: 1,0 1.0, 1 Bewertung(en)

Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz Kommentar
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 01.04.04 von Michael Schramm - Optisch ist das Spiel gar nicht mal so übel, aber schon der Aufbau des Spiels offenbart Schwächen des Materials: noch nicht einmal beim ersten Zusammenbau war es möglich, die Teile tatsächlich plan aufzustellen, bei weiteren Versuchen( immerhin habe ich das Spiel viermal gespielt!) wurde es eher schlimmer. Der Anspruch des Spiels, das es auch um Taktik oder sogar strategische Überlegungen geht, wurde zu 100% nicht erfüllt, es ist eine höchstens durchschnittliche "Mensch-ärgere-Dich-nicht"-Variante mit teilweise undurchdachten Regeln (z.B. Besteigen des Turms, Ereigniskarten selbst erfinden etc.) Wenn man das Spiel als MÄDN-Derivat in Form eines Werbespiels für eine Brauerei auf den Markt gerecht hätte und dafür inkl. einer Kiste Bier vielleicht 25-30 DM verlangt hätte, wäre sicher jeder zufrieden gewesen. Für den hier avisierten Preis von DM 50,-- kann man das Spiel keineswegs empfehlen, es ist vielleicht eine nette Rarität für Spielesammler mit dem Gebiet "Werbespiele" oder MÄDN. Die Diskrepanz zwischen eigenem Anspruch und der Realität ist mir bei Spielen selten so aufgefallen wie hier, vielleicht fehlt mir aber auch die künstlerische Fähigkeit, die wohl zum Verständnis des Spiels nötig ist. Nur fehlten diese Fähigkeiten dann auch allen bisher beteiligten Mitspielern, immerhin 14 Personen mit langjähriger Spielerfahrung und zumeist höherwertigen Bildungsabschlüssen. Oder wir waren einfach nicht die Zielgruppe, die dem Autor vorschwebte. Vielleicht kann er ja mal etwas dazu sagen!

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