Rezension/Kritik - Online seit 26.04.2019. Dieser Artikel wurde 1566 mal aufgerufen.

The Boldest

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Autor: Sophia Wagner
Illustration: Max Prentis
Verlag: Pegasus Spiele
Edition Spielwiese
Rezension: Christoph Schlewinski
Spieler: 2 - 5
Dauer: 30 - 90 Minuten
Alter: ab 10 Jahren
Jahr: 2018
Bewertung: 3,5 3,5 H@LL9000
4,0 4,0 Leser
Ranking: Platz 3752
The Boldest

Spielerei-Rezension

Spielereikritik: Zu viele Köche ...

In einer ziemlich kaputten Welt stehen wir Spieler da und müssen einen Clan anführen. Offenbar gab es einen Krieg mit oder gegen Maschinen, denn am häufigsten stehen wir vor dem Problem, wie wir besagte Roboter (oder deren Überbleibsel) auf dem Spielplan besiegen und für uns in Siegpunkte umwandeln können.

Drei Expeditionen (Durchläufe) gibt es in jeder Spielrunde und für jede Expedition müssen wir uns aus unseren Clankarten eine Truppe zusammenstellen. Es gibt Nahkämpfer, Fernkämpfer, Mechaniker und Köche und eine Truppe darf nur aus einer der Sorten bestehen. Mischung verboten. Jeder sucht sich also aus seinen verfügbaren Handkarten passende Leute heraus und haben das alle getan, wird jeder Stapel aufgedeckt. Es muss ganz klar eine Karte oben liegen – der Anführer nämlich. Hat man als Einziger eine bestimmte Truppe (z. B. Nahkämpfer), geht man fröhlich jagen. Das heißt, man nimmt sich eine Karte vom Spielplan. Welche Karte(n) an welcher Position und welcher Farbe hängt davon ab, wen man gespielt hat. Nahkämpfer nehmen immer nur das, was vor ihnen liegt. Fernkämpfer dürfen auch schon mal weiter in die Auslage schießen und Mechaniker sind besonders scharf auf Maschinen. Schwieriger wird es, wenn man eine Truppe nicht alleine ausgewählt hat. Dann müssen die Spieler den Stärkewert ihrer Karten zusammenzählen und der Gewinner darf auf die Jagd. Das mag für die Verlierer der Runde hart sein, aber immerhin dürfen sie eine neue Personenkarte vom Stapel ziehen und ihre eingesetzten Karten in der nächsten Runde wieder losschicken, während der Gewinner seine Truppe eine Runde schlafen lassen muss. Außerdem muss der Gewinner seinen Anführer dauerhaft abgeben (der wandert ins Königszelt um da … tja … zu feiern? Bis ans Ende seiner Tage? Wir hier vermuten: Das sind alles Kannibalen und er wird einfach aufgefressen).

Und dann gibt’s noch die Köche. Die jagen nur in der letzten Spielrunde mit. In allen Runden davor rekrutieren sie Karten aus der offenen Auslage. Natürlich sind die Personen da alle stärker als das, was man von Anfang an auf der Hand hat und haben auch noch besondere Fähigkeiten: Entweder mehr Stärke oder sie dürfen Karten auf eine Weise aus der Auslage nehmen, die sonst nicht gestattet ist. Diese Fähigkeit gilt aber nur, wenn die Karte der Anführer ist (also beim Aufdecken oben liegt) und sollte man gewinnen, wandert sie ins Zelt und ist weg. Am Ende zählen alle die Siegpunkte auf den gesammelten Karten zusammen und es gibt einen Gewinner. Das klingt alles gar nicht so schwer und das ist es auch nicht. Nach ein wenig Eingewöhnung, wer welche Karten wohin legen muss und welche Karten man nächste Runde wieder benutzen darf, geht’s flott voran. Besonders, weil auf dem Spielerschirm die Rundenabläufe und Fähigkeiten der einzelnen Gruppen gut abgebildet sind. Außer neuen Fähigkeiten auf neu aufgedeckten Personen ändert sich nichts mehr am Ablauf – nur, dass die Köche in der letzten Runde wie Krieger zählen.

Leider ist das alles dermaßen verpackt, dass man beim Anblick der Schachtel denkt, man bekommt hier ein stundenlanges, postapokalyptisches Survivalspiel serviert. In meinen Testrunden musste ich meine Mitspieler erst mal beruhigen, dass dem eben nicht so ist. The Boldest ist ein Kartenspiel mit ungewöhnlichem Thema, das sich einigermaßen flott wegspielt. Und da es ein Kartenspiel ist, hätte es vieler Sachen gar nicht gebraucht. Den Spielplan z. B. – sicher, der ist praktisch, aber man kann die Karten auch so ablegen. Die Sichtschirme finde ich super, die Spielertableaus vielleicht auch noch, aber alles hätte in eine halb so große Schachtel gepasst.

Und da liegt das Problem von The Boldest: Es weiß nicht, wer seine Zielgruppe sein soll. Spieler, die vom Äußeren ein stundenlanges, postapokalyptisches Survivalspiel erwarten, werden enttäuscht, weil es eben ein einigermaßen flottes Kartenspiel ist. Aber Menschen, die einigermaßen flotte Kartenspiele mögen, werden The Boldest gar nicht erst anfassen, weil sie keine Lust auf stundenlange, postapokalyptische Survivalspiele haben.

Über die Grafik und Aufmachung von The Boldest mag man streiten, aber ich finde sie hervorragend. Sie erinnert an französische SciFi-Comics aus den 70ern und 80ern. Alles ist sehr fantasievoll und detailliert gestaltet und überall stecken Arbeit und viele Ideen drin. Mitspieler, die ich überreden musste, zeigten sich angetan von The Boldest, aber es waren alles Gelegenheitsspieler. Das ist die eigentliche Zielgruppe dieses Spiels, interessierte Gelegenheitsspieler. Wieso man es dann für Experten- oder Freakspieler verpacken musste, ist mir nicht ganz klar. Die Zielgruppe mag The Boldest und möchte ab und zu noch eine Partie spielen. Es haut vielleicht von der Innovation nicht so rein wie andere Spiele in diesem Bereich, bleibt aber trotzdem im Gedächtnis, um nicht für Ewigkeiten im Schrank zu verstauben. Wenn man die Leute überzeugen konnte, dass sie eben nicht stundenlang ums Überleben kämpfen müssen.

Obwohl es für bis zu fünf Leute spielbar ist, würde ich eine flotte 2er bis maximal 4er Runde empfehlen. Mit fünf Spielern zieht es sich und dann sind 90 Minuten eindeutig zu lang für das, was geboten wird.

Rezension Christoph Schlewinski

In Kooperation mit der Spielezeitschrift

Spielerei

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H@LL9000-Bewertungen

H@LL9000 Wertung The Boldest: 3,5 3,5, 2 Bewertung(en)

Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz Kommentar
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 14.04.19 von Christoph Schlewinski
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz Kommentar
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 02.07.19 von Jürgen Henrich

Leserbewertungen

Leserwertung The Boldest: 4,0 4.0, 1 Bewertung(en)

Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz Kommentar
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 22.09.19 von Familienvater - Nach dem anfänglichen Eindruck, daß eindeutig zu viel Glück im Spiel sei (Wann habe ich die Chance an begehrte Karten zu kommen?), kristallierte sich in späteren Partien heraus, daß man dieses Spiel sehr wohl taktisch angehen kann, vor allem dann, wenn man schon öfters mit denselben Gegnern dieses Spiel gespielt hat bzw. meint sie sehr gut zu kennen. Denn das ist der tatsächliche Kniff in dem Spiel: Die Züge seiner Mitspieler zu erahnen, um dann entweder in derselben Phase einer Runde eine stärkere Gruppe von Clanmitgliedern loszuschicken, oder um vollkommen asymmetrisch mit einer einzelnen Person in den Wald zu gehen und somit die restlichen Personen, die ich noch zur Verfügung habe für die nächste Runde aufzuheben. Um Gewinnen zu können benötige ich also nicht nur das notwendige Quäntchen Glück. Vielmehr muß ich die verfügbaren Leute aus meinem Clan im Auge behalten (wohl wissend, daß der Anführer nach jedem Einsatz dauerhaft weg ist, mit Ausnahme bei den Köchen), die Kartenauslage analysieren und sehr gut beobachten, mit welchen Personen meine Gegner in der letzten und ggf. vorletzten Runde ihre Clans verstärkt haben. Da kann es dann auch gelingen, daß man sie bewußt die vordersten Karten abräumen läßt, damit man selbst an eine weiter hinten liegende und ggf. sehr punkteträchtige Karte kommen kann. Und manchmal macht man auch mit den Jägern eine bessere Ausbeute als mit den Kriegern oder Technikern. Es kommt eben ganz darauf an, in welcher Zusammenstellung die Waldkarten auf dem Spielbrett liegen. Was mir weniger gut gefällt ist die zu wenig deutliche grafische Unterscheidungsmöglichkeit der einzelnen Spieler. Für meinen Geschmack sind die einzelnen Farben zu blaß aufgedruckt und die Ähnlichkeiten zwischen olivgrün, blau und grau zu groß. Zum Glück ist das aber für die Spielmechanik kaum von Relevanz. Wenn man dieses Spiel zu viert spielt, ist das aus meiner Sicht die ideale Gruppengröße, da man hierbei auch noch die Möglichkeit hat als Zweitstärkster in den Wald zu gehen. Zu fünft übrigens auch, doch das geht dann wieder zu Lasten der Spieldauer. Ein schlechter Witz hinsichtlich der Qualität sind die Sichtschirme, die dazu dienen sollen, die Planung meiner jeweiligen Runde vor meinen Mitspielern geheim zu halten. Da sie nur aus verstärktem Papier bestehen, fallen sie beim kleinsten Windhauch sofort um. Ganz abgesehen davon, daß sie nur das allerallernötigste verdecken. Da wären stabile und größere (!!!) Sichtschirme aus Pappe dringend nötig gewesen. Denn manche Vorbereitung im Verborgenen wird dann plötzlich offenkundig, wenn die anderen sehen, wieviel Karten ich mir für die nächste Runde aufheben ... Daß dann der Schachteleinsatz mit dem Spielmaterial auch nicht sonderlich kompatibel ist fällt in diesem Zusammenhang nur noch am Rande ins Gewicht. Leider trüben aber so unausgegorene "Nebensächlichkeiten" den Gesamteindruck. Dennoch ist es ein gutes Kartenspiel in einer etwas schrägen thematischen Einbettung.

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