Rezension/Kritik - Online seit 18.08.2016. Dieser Artikel wurde 4819 mal aufgerufen.

€uro Crisis

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Autor: Galgor
Verlag: Doppeldenk-Spiele
Rezension: Oliver Kühlwein
Spieler: 3 - 4
Dauer: 90 Minuten
Alter: ab 14 Jahren
Jahr: 2015
Bewertung: 5,0 5,0 H@LL9000
6,0 6,0 Leser
Ranking: Platz 817
€uro Crisis

Spielerei-Rezension

Keiner der Kolleginnen und Kollegen hatte dieses Spiel auf dem Schirm? Noch eine Tatsache die nachdenklich stimmte. Also beim nächsten Rundgang, den großen Bogen machend, erst mal an den Stand gestellt und die Partien beobachtet, da schon alle Plätze vergeben waren. Schnell kam einer der fünf Neu-Verleger dazu und erklärte das Spielprinzip mit seinen Aktionsmöglichkeiten. Das machte dann erst mal neugierig.

Bei €uro Crisis übernehmen die bis zu vier Spieler die Rolle von Bankmanagern, die versuchen, aus der Eurokrise den größtmöglichen Profit zu schlagen. Dazu leihen sie sich bei der EZB billig Geld, um in vier Eurostaaten Anleihen zu kaufen und die daraus resultierenden Zinsen in neue Geschäfte zu stecken. So können Waffen oder, über die Zwischenstation Gold, Privatisierungen in den einzelnen Staaten erworben werden. Dazu muss man sich politischen Einfluss sichern, der auch nicht umsonst zu bekommen ist.

Der Motor des Spieles sind fünf verschiedene Aktionskarten, von denen zwei doppelt vorhanden sind. Das Spiel geht über maximal drei Jahre á vier Quartale. In jedem Quartal kann genau eine Karte pro Spieler gespielt werden. D. h., eine Partie bietet nur 12 Mal die Möglichkeit, direkt Einfluss zu nehmen.

Die einzelnen Aktionen sind mit Städtenamen gekennzeichnet, die die Funktion schön verdeutlichen. In Frankfurt leiht man sich Anleihemarker gegen kleines Geld. In London platziert man diese Marker gegen großes Einkommen in den jeweiligen Eurostaaten (gleichzeitig wird dann dort staatliches Vermögen privatisiert: Eine Art an Siegpunkte zu kommen). Brüssel bietet die Gelegenheit, die Regierung eines Landes zu ändern, während in Rom bei Bunga-Bunga-Parties die Politik der bestehenden Regierungen konkret in Reformen oder großspurige Ankündigungen umgesetzt wird. Last but not least können in Moskau Waffen und Gold erworben werden.

Zu Beginn des Spieles werden noch zusätzliche Plättchen gezogen, die zwischen den Quartalen das Spielgeschehen beeinflussen. Sowohl diese Marker, als auch das andere Spielmaterial, bis auf die Karten, sind immer offen einzusehen. D. h., dass man sich schon am Anfang einer Partie eine Strategie zurechtlegen kann, die optimal zu den dann bestehenden Bedingungen passt.

Blöd nur, dass die lieben Mitspieler so ganz andere Vorstellungen von einem gelungenen Spielverlauf haben …

Zuerst werden pro Quartal in einem Jahr die jeweiligen Startspieler durch Setzen des eigenen Reservierungsmarkers festgelegt. Innerhalb der Quartale wird zunächst von allen Spielern gleichzeitig verdeckt eine Karte gelegt und die entsprechende Aktion dann im Uhrzeigersinn ausgeführt. Ausgespielte Karten dürfen im selben Jahr nicht wieder verwendet werden.

Die vier Eurostaaten sind durch Ländertableaus repräsentiert, die einen Anleihemarkt (Verschuldungsbereich), eine Zufriedenheitsskala, eine Reihe von möglichen Privatisierungen und eine Abbildung der Parteienlandschaft zeigen. Diese Bereiche spielen Hand in Hand. Sinken die Schulden, sinkt die Zufriedenheit. Werden Anleihen platziert, kommt es zu Privatisierungen. Fallen die Zinsen, werfen Privatisierungen Gewinne ab usw. Jedes Land hat dabei unterschiedliche Skalen und Werte und Größe und Wirtschaftskraft zu simulieren. Sehr schön der Mechanismus im Verschuldungsbereich, der, obwohl ganz anders, an die Eleganz des Ölmarktes in Crude / McMulti erinnert. Auch sehr hilfreich umgesetzt die Analogie zwischen politischen Reformen und dem Marktgeschehen. So sieht man auf den ersten Blick, welche Reformen welche Reaktionen im Markt auslösen.

Treiben es die Spieler in einem Staat zu weit, kann es zu einem Aufstand kommen, der Privatisierungen wieder verstaatlicht. Kommt es wegen der hohen Verschuldung zum Schuldenschnitt, gehen die Anleihen und damit das Einkommen der Banker den Bach runter. Beides wirkt sich direkt auf die Siegpunkte aus, d. h., einmal gesammelte Punkte sind nicht sicher. Da aber gerade zum Schluss die großen Batzen bei den Privatisierungen kommen, sind diese besonders umkämpft.

€uro Crisis ist ein Spiel, bei dem die Mechanismen stark verzahnt ineinander greifen. Jede einzelne Aktion ist wichtig und auch das Timing muss stimmen. Da zu Beginn alle Informationen offen liegen, haben unerfahrene Spieler einen großen Nachteil gegenüber denjenigen, die sich mit dem Spiel auskennen. Hat man sich aber erst mal eingespielt, sind die Aktionen logisch und gut überschaubar. Dann merkt man, dass die Interaktion die Hauptrolle spielt und die Tatsache, dass durch die vorgegebenen Ereignisse einige Länder zwangsläufig Richtung Schuldenschnitt oder Aufstand getrieben werden, kann zum eigenen Gewinn oder besser zum Schaden der Mitspieler genutzt werden.

Zwei Eigenschaften von €uro Crisis stechen dabei hervor: 1. Das Thema ist sehr gut umgesetzt und wirkt nie deplatziert. Durch die satirische Auslegung des Spiels kommt aber nie Verbissenheit auf und das Spiel kommt eher locker daher. 2. Die plakative Aufmachung kann aber leicht darüber hinwegtäuschen, dass das Spiel ein knallhartes Mikromanagement und exakte Planung erfordert. Eine Unaufmerksamkeit kann den Sieg kosten.

Wie bei Spielen dieser Kategorie üblich, spielt das Metaspiel eine größere Rolle. Liegt z. B. ein Spieler gegen Ende der Partie weit vorne, so kommt es gerne mal zur Zusammenrottung der hinten Liegenden, die dann zwar den Führenden gemeinsam vom Thron stoßen, aber damit zwangsläufig einen anderen Spieler auf eben diesen heben, ohne selbst genauso zu profitieren. Aber das ist durchaus verschmerzbar. Fazit: Eine Kaufempfehlung für Freunde des komplexen, aber nicht komplizierten Spiels mit satirischem Hintergrund. Wer übrigens die Erstauflage noch ergattern will, sollte sich beeilen. Dem Vernehmen nach sind nicht mehr viele Exemplare vorrätig. Ach ja, an die fünf Freunde: Alles richtig gemacht, auf ins nächste Abenteuer.

Rezension Oliver Kühlwein

In Kooperation mit der Spielezeitschrift

Spielerei

H@LL9000-Bewertungen

€uro Crisis: 2 H@LL9000-Bewertungen, Durchschnitt: 5,0 5,0

Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz Kommentar
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 09.08.16 von Oliver Kühlwein
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz Kommentar
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 21.08.16 von Michael Timpe - Wirklich super umgesetztes Thema, das auch spielerisch überzeugen konnte. Für die gelungene Kombination aus Thema Spiel find ich 5 Punkte sehr verdient.

Leserbewertungen

1 Leserbewertung

Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz Kommentar
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 12.10.15 von Thorsten

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