Rezension/Kritik - Online seit 06.12.2020. Dieser Artikel wurde 1680 mal aufgerufen.

Feierabend

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Autor: Friedemann Friese
Illustration: Lars-Arne Kalusky
Verlag: 2F-Spiele
Rezension: Christoph Schlewinski
Spieler: 1 - 6
Dauer: 45 - 75 Minuten
Alter: ab 12 Jahren
Jahr: 2020
Bewertung: 4,0 4,0 H@LL9000
4,3 4,3 Leser
Ranking: Platz 2904
Feierabend

Spielerei-Rezension

Verlieben, streiken, Urlaub machen

Was ich ziemlich gut an Friedemann Friese und seinem 2F Verlag finde: Er schert sich irgendwie um nix. Hat er Lust, eine Art Experimentierkasten in Spielform rauszugeben, bei dem Sachen schief gehen können oder fantastisch zusammenpassen, dann macht er das einfach. Wie bei 504. Und hat er keine Lust, ein klassisches Arbeiter-Einsatz-Spiel zu machen, dann wird es thematisch umgestrickt und man schickt seine Arbeiter nicht arbeiten, sondern in den Feierabend.

Wie bei vielen Spielen vom 2F Verlag ist auch hier einer der Hauptaspekte das Augenzwinkern, die Satire, und ein Hauch politischer Aktionismus schwingt auch noch mit. Dabei ist erst mal alles wie gehabt. Es ist Schichtende und wir setzen unsere Arbeiter nacheinander auf einen der drei Freizeitpläne oder das Wohnhaus ein. Oder setzen nix ein und geben Streikmarker aus, um Arbeitsbedingungen zu verbessern. Auf den Freizeitplänen winkt Erholung, was bei Feierabend die Siegpunkte sind. Dinge wie „joggen“ oder „Rad fahren“ kosten nichts und bringen einen Hauch Erholung. Will man tiefenentspannter sein, muss man allerdings Geld ausgeben. Dann kann man in den Freizeitpark oder auf ein Date und sich dort einen Partner angeln. Die braucht man, denn manche Aktivitäten entspannen nur, wenn man sie zu zweit macht. Ins Hotel gehen zum Beispiel. Und gemeinsam Achterbahn fahren macht natürlich auch mehr Spaß.

Die meiste Erholung bekommt man, man ahnt es schon, wenn man Urlaub macht und man fängt das Spiel mit satten null Wochen Urlaub ab. Schweinerei. Also muss man sich Urlaub erstreiken und das mit Streikmarkern bezahlen. Auf diese Weise kann man bis zu drei Wochen rausschlagen, der zwar kostet, aber auch viel Erholung bringt – und diese sogar verdoppelt, fährt man mit einem Partner los. Partner sind also wichtig. Aber Streikmarker auch. Außer für den Urlaub kann man sie noch für andere Dinge einsetzen. Das Gehalt verbessern, den „Gender-Gap“ schließen, der einem, weil Frauen schlechter bezahlt werden, immer was vom Gehalt abzieht, mehr Streikmarker bekommen und die Arbeitszeit reduzieren. Denn hat man alle Arbeiter eingesetzt, kommen sie von den Plänen zurück in die Firma. Dann gibt’s Geld, aber auch Stress und man verliert Erholung. Diese Verluste lassen sich durch weniger Wochenstunden reduzieren und z. B. durch Arbeiter, die im Urlaub sind (Postkarten von der See entspannen hier auch die Kollegen). Wer seine Arbeiter wann zurück in die Firma holen muss ist aber unterschiedlich, denn auf dem Hausplan kriegt man nicht nur Streikmarker, man kann dort auch 1 - 3 Arbeiter entweder in der Kneipe einen trinken oder für kleines Geld arbeiten lassen oder sich vor den Fernseher hauen. Jeder Spieler holt also im Laufe des Spieles zu einem anderen Zeitpunkt die Arbeiter zurück und macht die Freizeitfelder damit wieder frei für die ungeliebten Mitmenschen am Tisch.

Sobald einer 40 Erholung gesammelt hat, wird die Endphase eingeleitet und am Schluss müssen noch mal alle arbeiten, Erholung durch Arbeitsstress verlieren und dann gewinnt der entspannteste Spieler. Feierabend ist also ein Spiel ohne klassischen Startspieler oder Rundenverlauf. Jeder kann selber entscheiden, wann er seine Leute zurückholen muss und dadurch Einsatzfelder frei macht. Dieses Element kenne ich bisher nur von Everdell und auch dort hat mir das schon sehr gut gefallen. Bei Feierabend passt es auch gut rein, weil das der Punkt ist, an dem man sich genau überlegen muss, was man mit seinen Arbeitern macht, wie schnell man sie einsetzt und ob man den Mitspieler die Felder gönnen möchte, die man frei machen muss.

Leider ist man in anderen Punkten bei Feierabend nicht so flexibel. Ohne Partner und genug Streikmarker hat man eigentlich keine Chance, etwas zu reißen. Leute, die als ewiger Single gespielt haben, waren auch dementsprechend weit hinten auf der Erholungsleiste. Die Aktionen, die die meiste Erholung bringen, kann man eben nur zu zweit machen. Und da drei Wochen Urlaub satte 9 Erholungspunkte bringen und das mit einem Partner verdoppelt wird … naja, kann man sich ja ausrechnen, wenn 40 Punkte reichen, um das Spielende einzuläuten. Und um den Urlaub und auch die Wochenstunden zu verändern, braucht es eben Streikmarker. Man hat das Gefühl, man hat bereits nach einer Partie alles gesehen, was Feierabend zu bieten hat und tatsächlich ist das auch fast so. Die Frage, die man sich dann natürlich stellen muss: Reicht einem das? Mir persönlich reicht es, weil ich Feierabend immer noch gerne mit Menschen spiele, die es noch nicht kennen. Aber nicht jeder Mitspieler würde es noch mal mitspielen. Ich glaube aber, so ist es auch nicht gedacht. Ich sehe Feierabend eher als verspielte Botschaft an die Spielewelt: Leute, arbeitet nicht so viel, sucht euch ’n Partner, macht Dinge, die euch Spaß machen und stellt euch gegen soziale Ungerechtigkeit. Streikt, macht eine Welle, ändert was.

Feierabend ist ein spielerisches, satirisches Pamphlet gegen Ausbeutung. Und das bringt das Spiel sehr gut rüber. Aber als Spiel an sich betrachtet hat es, bis auf den geschickten „wie schnell setze ich meine Arbeiter ein“ Mechanismus nur bedingt viel zu bieten – außer, dass es durch die vier Spielpläne massig viel Platz braucht. Aber egal. Einfach mal mitspielen und sich daran erinnern, dass Erholung die wertvollste Währung im Leben ist. Auch, wenn es nur bei dieser einen Partie bleibt. Hauptsache, die Erkenntnis setzt sich im Kopf fest!

Rezension Christoph Schlewinski

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H@LL9000-Bewertungen

H@LL9000 Wertung Feierabend: 4,0 4,0, 1 Bewertung(en)

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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 01.11.20 von Christoph Schlewinski

Leserbewertungen

Leserwertung Feierabend: 4,3 4.3, 3 Bewertung(en)

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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 15.10.20 von Martin - Tolles Thema, mit viel Augenzwinkern im Spiel umgesetzt. Das Spiel an sich ist allerdings ziemlich flach. Wir hatten im Spiel zu zweit immer das Gefühl es gibt "zu viele" Worker-Einsetzfelder. Und in fast jeder Situation war es offensichtlich, welches Feld am besten ist (häuft haben wir dann sogar immer gleichen Züge gemacht). Nach 2x Spielen gleich wieder verkauft, ist einfach nicht meins. Viele tolle Ideen, die aber leider dann nicht so richtig zu ende gedacht sind. Ich mag Worker Placement total aber das war irgendwie nichts.
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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 15.10.20 von Dietrich - Für die eine bis eineinhalb Stunden ist Feierabend ein sehr schönes Spiel, zwar nur halbwegs thematisch, aber sehr interaktiv. Man setzt seine 7 "Worker" auf Freizeitfelder ein, die unterschiedliche Erholung (eigentlich Freizeitwert) bringen: Die Freizeitwerte entscheiden schließlich den Sieg, da das Spiel endet, sobald ein Spieler den Wert 40 erreicht hat und jeder Spieler seine 7 Arbeiter einsetzt hat. Da die Zahl der Einsatzfelder in jedem einzelnen Freizeitbereich niedriger ist als die Spielerzahl, herrscht ein Rennen um die Plätze begehrter Bereiche. Allerdings muss jeder Spieler sofort nach dem Einsetzen seines letzten, des 7. Workers seine sämtlichen Worker wieder zurücknehmen - außer sie sind im gesonderten Urlaub -, so dass von ihnen besetzte Felder für die folgenden Mitspieler wieder frei werden. Wenn man dann noch Worker zur Verfügung hat, also antizyklisch agiert wie z. B. bei “On Mars”, kann man doch zuvor besetzte Aktionen nutzen. Übrigens ist es toll, wieder einmal ein Spiel zu haben, das mit mehr als 4 Spielern spielbar ist, denn dann entfalten sich mögliche Taktiken erst richtig. Allerdings finde ich es merkwürdig, dass ein Spiel, das für 6 Spieler auslegt ist, so angepasst ist, dass mit weniger als 4 Spielern noch einigermaßen spielbar ist, ja sogar nur solo! Das gibt den Spielspaß nicht annähernd wieder. Naja, das Umgekehrte gibt es auch: 7 Wonders kann man zwar mit 6 Mitspielern spielen, es wird dann unwägbar, mitunter unausgewogen, so dass bei mehr als 4 Spielern der Spielspaß gegen Null geht. Mein Tipp: “Feierabend” erst ab 4 Spielern, dann habt ihr viel Freude und viele Lacher ...
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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 30.11.20 von rana - Die Aufmachung und Thematik ist für mich eine 7! Die Zugänglichkeit und der Leichtigkeit des Spielfluss SDJ verdächtig. Die Punkte für die Spielbarkeit beziehen sich auf das Spiel mit mehr als zwei Spielern. Zu zweit ist die Idee mit dem "PingPongDoppelzugmarker" zwar innovativ um den hervorragenden, asymetrischen Workerplacementverlauf wieder herzustellen, führt aber meiner Meinung nach zu einem erheblichen Startspielervorteil.

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