Rezension/Kritik - Online seit 31.07.2026. Dieser Artikel wurde 907 mal aufgerufen.

Nature

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Autor: Dominic Crapuchettes
Rezension: Nick Bornschein
Spieler: 1 - 4
Dauer: 30 - 45 Minuten
Alter: ab 10 Jahren
Jahr: 2025
Bewertung: 5,0 5,0 H@LL9000
6,0 6,0 Leser
Ranking: Platz 1314
Nature

Spielziel

Evolution ist bekanntlich kein gemütlicher Spaziergang. Da wächst einem gerade ein praktischer Panzer, schon kommt jemand mit kräftigeren Kiefern um die Ecke. Man müht sich ab, größer, schneller oder giftiger zu werden, nur damit am Ende ein leergefressenes Wasserloch, ein hungriger Räuber oder ein schlecht getimter Klimaschock die ganze Planung zunichtemacht. Die Natur ist eben keine wohlmeinende Spielleiterin, sondern eher eine strenge Redakteurin: Was nicht funktioniert, wird gestrichen.

Ablauf

Nature ist ein eigenständiges Brettspiel aus der Evolution-Reihe rund um das Entstehen, Anpassen und Überleben von Tierarten in einem dynamischen Ökosystem. Im Mittelpunkt steht ein Wasserloch, an dem Pflanzenfutter ausliegt und um das herum sich die verschiedenen Spezies der Spieler entwickeln. Thematisch greift das Spiel den Gedanken der Evolution auf: Arten verändern sich, reagieren auf ihre Umwelt, konkurrieren um Nahrung und müssen sich gegen Hunger oder Fressfeinde behaupten. Ziel ist es, im Verlauf des Spiels möglichst viele Populationen am Leben zu erhalten, denn jede ernährte Population bringt am Spielende Punkte.

Zu Beginn jeder Runde entsteht für jeden Spieler eine neue Spezies. Diese besitzt zunächst eine bestimmte Körpergröße und eine Population, also eine Anzahl von Tieren, die in der folgenden Fütterungsphase versorgt werden müssen. Die Größe einer Spezies wird über ein Drehrad festgehalten. Sie beeinflusst, wie viel Nahrung eine Spezies beim Fressen aufnehmen kann, wie gut sie sich gegen Angriffe schützt und wie stark sie selbst als Jäger wäre. Jede Runde erhalten die Spieler außerdem neue Karten, mit denen sie ihre Arten weiterentwickeln können.

Eine Spezies kann bis zu drei Eigenschaften besitzen. Dadurch entstehen sehr unterschiedliche Kombinationen. Manche Arten bleiben reine Pflanzenfresser und ernähren sich am Wasserloch. Andere entwickeln sich durch bestimmte Merkmale zu Allesfressern, die zusätzlich durch ausgelöste Effekte Nahrung erhalten können. Wieder andere können mit einer Jäger-Karte zu Fleischfressern werden. Diese Arten fressen dann keine Pflanzen mehr, sondern jagen andere Spezies.

Im Spiel versuchen die Spieler reihum, ihre hungrigen Populationen zu ernähren. Pflanzenfresser nehmen Nahrung aus dem Wasserloch, wobei die verfügbare Pflanzenmenge begrenzt ist. Wer zu spät kommt, kann leer ausgehen. Jäger wiederum greifen andere Spezies an, wenn ihr Jagdwert mindestens so hoch ist wie der Verteidigungswert des Beutetiers und keine besonderen Verteidigungsmerkmale den Angriff verhindern. Kann ein Spieler keine Spezies mehr füttern, obwohl noch hungrige Populationen vorhanden sind, verhungert eine Population. Stirbt die letzte Population einer Spezies, gilt diese als ausgestorben.

Eine besondere Rolle spielen die Eigenschaftskarten. Sie verändern die normalen Regeln einer Spezies und können miteinander kombiniert werden. Manche Eigenschaften erhöhen Jagd- oder Verteidigungswerte, andere erlauben zusätzliche Nahrung oder lösen Effekte aus, sobald bestimmte Situationen eintreten. Dadurch geht es nicht nur darum, möglichst viele Tiere zu haben, sondern auch darum, eine Spezies so zu formen, dass sie zur aktuellen Spielsituation passt. Am Ende jeder Runde werden die gefressenen Pflanzen- und Fleischmarker hinter dem eigenen Sichtschirm gesammelt. Diese Nahrung stellt die überlebenden und ernährten Populationen dar und zählt am Spielende jeweils einen Punkt. Nach der vierten Runde endet die Partie. Zusätzlich zu den gesammelten Nahrungsmarkern erhalten die Spieler Bonuspunkte für überlebende Spezies. Gewonnen hat, wer insgesamt die meisten Punkte erzielt.

Nature versteht sich als Spielsystem, das auf einem Grundspiel aufbaut und durch Module erweitert werden kann. Mit der aktuellen Grundbox werden noch fünf weitere Module ausgeliefert, die jeweils einzeln oder (teilweise) auch zusammen in das Grundspiel integriert werden können.

Das Modul Flight erweitert Nature um fliegende Spezies und verschiebt den Schwerpunkt stärker in Richtung Ausweichen, Schutz und Migration. Außerdem wird mit Modul nicht vier, sondern fünf Runden gespielt. Das Modul bringt außerdem eigene neue Eigenschaften wie Tarnung, Schwarmverhalten, Sicht, Brutpflege und das Verteilen von Nahrung am Wasserloch mit sich.

Das Modul Jurassic erweitert Nature um deutlich größere und mächtigere Spezies und stellt damit den Aspekt von Körpergröße, Dominanz und gefährlicher Jagd stärker in den Vordergrund. Thematisch führt das Modul eine Welt ein, in der riesige Pflanzenfresser, gefährliche Raubtiere und kleinere, schwer zu fassende Arten nebeneinander bestehen.

Das Modul Natural Disasters erweitert Nature um Ereigniskarten, die das Ökosystem von außen erschüttern und den Spielern weniger Kontrolle über den Verlauf geben. Statt neue Eigenschaften für einzelne Spezies in den Mittelpunkt zu stellen, bringt dieses Modul Naturkatastrophen ins Spiel, die am Ende der Runden aufgedeckt werden und die Regeln zeitweise verändern. Natural Disasters macht das Ökosystem dadurch unberechenbarer.

Das Modul Arctic Tundra verwandelt Nature in ein deutlich kargeres und härteres Ökosystem. Es handelt sich um ein sogenanntes Ortsmodul, das mit einem eigenen Wasserloch gespielt wird. Pro Partie kann nur ein solches Ortsmodul verwendet werden.Nahrung ist von Beginn an knapper. Das Modul verschiebt den Fokus damit spürbar auf Mangel, Kälteschutz und langfristiges Überleben in einer Umgebung, in der jede Spezies nicht nur Nahrung finden, sondern auch den Winter überstehen muss.

Das Modul Amazon Rainforest verwandelt Nature in ein dichteres, unberechenbareres Ökosystem voller versteckter Gefahren und überraschender Wendungen. Auch hier handelt es sich um ein Ortsmodul mit eigenem Wasserloch, sodass es nicht gemeinsam mit einem anderen Ortsmodul wie der Arktischen Tundra verwendet wird. Arten mit Klettern-Fähigkeit können nun Früchte fressen, die am Spielende mehr Punkte wert sind als normale Nahrung, auch Gift hält (endlich!) Einzug in das Spiel. Zugleich gilt eine harte globale Regel: Jede getötete Population ist dauerhaft verloren und kehrt in der nächsten Runde nicht zurück.

Fazit

Nature wirkt schon in der Grundidee wie eine bewusste Neuinterpretation von Evolution aus dem Jahr 2015. Beide Spiele kreisen um Arten, Population, Nahrungskonkurrenz, Fleischfresser und Anpassung, aber Nature präsentiert dieses System nun als modularen Baukasten. Dabei ist die Einstiegshürde moderat. Das Grundspiel ist im Kern nicht schwer zu verstehen: Arten wachsen, bekommen Eigenschaften, fressen Pflanzen oder jagen, und wer Populationen ernährt, sammelt Punkte. Trotzdem ist es kein völlig niedrigschwelliges Familienspiel, weil die Bedeutung der Eigenschaften erst durch ihre Kombinationen entsteht. Man muss verstehen, wann eine Spezies hungrig ist, wann gejagt werden darf, wie Jagd- und Verteidigungswerte entstehen und welche Folgen Verhungern, Aussterben und das Übertragen verlorener Populationen auf neue Spezies haben.

Mechanisch steht Nature sehr deutlich auf den Schultern von Evolution, aber es ist keine bloße Neuauflage, denn Nature verändert die Dynamik spürbar. Es gibt keine dauerhafte Sammlung vieler Arten, die über die Runden immer weiter ausgebaut wird, sondern jede Runde entsteht eine neue Spezies, während Verluste in gewisser Weise in neue Entwicklung übergehen. Dadurch fühlt sich das System weniger nach langfristigem Tableau-Aufbau und stärker nach wiederholten evolutionären Momentaufnahmen an. Mir gefällt das deutlich besser als bei Evolution.

Sehr gelungen ist hier der modulare Ansatz. Die Module sind nicht nur Erweiterungen im üblichen Sinn, sondern verändern jeweils die Grammatik des Spiels. Flight spricht eher Spieler an, die Rückzug, Sicherheit und Timing mögen. Jurassic ist direkter und macht Größe zum Machtfaktor. Natural Disasters erhöht die Unberechenbarkeit und sorgt für dramatische Wendungen. Arctic Tundra ist anspruchsvoller, weil Kälte und Nahrungsknappheit permanent mitgedacht werden müssen. Amazon Rainforest bringt Bluff, verdeckte Eigenschaften und riskante Jagdentscheidungen sowie (nedlich!) auch Gift mit ins Spiel. Dadurch kann Nature mit derselben Grundmechanik sehr unterschiedliche Partien erzeugen.

Die wichtigste Schwäche von Nature ergibt sich gerade aus seiner Stärke: Das Spiel lebt enorm von den Eigenschaften und Modulen. Das Grundspiel ist elegant, aber wer sehr konfrontative, bissige und dauerhaft eskalierende Partien erwartet, könnte Nature ohne Module zunächst etwas geglättet empfinden. Das Kernspiel ist runder und zugänglicher, aber dadurch möglicherweise auch weniger kantig. Nature ist stärker darum bemüht, Verluste in einen fortlaufenden Kreislauf einzubetten. Das ist spielerisch angenehmer, kann aber für Gruppen, die gerade die Härte und das direkte Gegeneinander an Evolution schätzen, etwas zahmer wirken.

Ein zweiter Reibungspunkt liegt in der Modulkomplexität. Einzelne Module sind thematisch sehr reizvoll, aber sie erhöhen die Zahl der Sonderregeln deutlich. Besonders Flight, Arctic Tundra und Amazon Rainforest bringen zusätzliche Timing-Regeln mit: Wann migriert eine Art? Wann wird Kälte abgehandelt? Wann darf eine verdeckte Eigenschaft aufgedeckt werden? Für die erste Partie sollte man daher nicht zu früh zu viele Module mischen. Die Regel selbst empfiehlt, Module zunächst einzeln zu spielen, und das erscheint auch aus Rezensentensicht sinnvoll.

Nature richtet sich somit an Spieler, die interaktive Kartenspiele mögen, aber keine reine Optimieraufgabe suchen. Es ist kein friedliches Aufbauspiel, denn Jagd, Nahrungsknappheit und Aussterben gehören ausdrücklich dazu. Gleichzeitig wirkt es weniger abschreckend als manche direkteren Konfliktspiele, weil Verluste thematisch eingebettet sind und neue Spezies wieder Chancen eröffnen. Besonders geeignet ist es für Gruppen, die Freude an variablen Partien haben und ein System mögen, das man je nach Stimmung verändern kann: mal zugänglicher mit dem Grundspiel, mal konfrontativer mit Jurassic, mal chaotischer mit Natural Disasters, mal anspruchsvoller mit Arctic Tundra oder blufflastiger mit Amazon Rainforest.

Material und (englische) Spielregel machen insgesamt einen sehr durchdachten Eindruck. Die Größen der Scheiben, der Nahrungstoken (das hier dargestellte Material entspricht der Deluxe-Variante) sowie die Sichtschirme helfen dabei, das Spiel übersichtlich zu halten. Auch die Module stehen dem in nichts nach. Besonders schön ist, dass die verschiedenen Lebensräume und Module visuell deutlich unterscheidbar sind und sich dadurch auch atmosphärisch anders anfühlen.

Gleichzeitig sollte man Nature nicht unterschätzen: Das Grundspiel ist zwar eingängiger als der erste Blick auf all die Karten und Marker vermuten lässt, aber es ist kein Spiel, das man einfach erklärt und losspielt. Mit Modulen steigt diese Einstiegshürde deutlich, weil zusätzliche Regeln (Migration, Kälte etc.) dazukommen. Die angegebene Altersangabe ab 10 Jahren halte ich daher für das Grundspiel grundsätzlich plausibel, aber eher für spielerfahrene Kinder oder Runden mit guter Anleitung. Wer Nature mit mehreren Modulen spielt, sollte eher von einem Kennerspielniveau ausgehen.

Seine besten Momente hat Nature, wenn aus wenigen Eigenschaften plötzlich eine glaubwürdige kleine Geschichte entsteht: eine Art entkommt, eine andere verhungert, ein Jäger findet keine Beute, eine Spezies überlebt nur dank passender Anpassung. In der Summe überzeugt Nature gerade dadurch, dass es nicht einfach nur Evolution wiederholt, sondern aus dessen Idee ein flexibles Ökosystem macht, das je nach Modul eine andere spielerische Landschaft eröffnet. Nature ist und bleibt aber weniger ein linearer Aufstieg zum perfekten Lebewesen als vielmehr eine Serie von Versuch, Irrtum und gelegentlich ziemlich hungrigen Nachbarn.

Rezension Nick Bornschein

Anmerkung: Zur besseren Lesbarkeit der Texte verwenden wir häufig das generische Maskulinum, welches sich zugleich auf weibliche, männliche und andere Geschlechteridentitäten bezieht.

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H@LL9000-Bewertungen

H@LL9000 Wertung Nature: 5,0 5,0, 1 Bewertung(en)

Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz Kommentar
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 18.05.26 von Nick Bornschein - Nature ist im Grunde Evolution, nachdem es ein paar Millionen Jahre Zeit hatte, über sich selbst nachzudenken. Das Spiel nimmt den bekannten Kampf ums Futter, ums Überleben und gegen gefräßige Mitspieler und verpackt ihn in ein zugänglicheres, modulareres System. Wer sich zu gierig vermehrt, lernt schnell, dass viele Mäuler nur dann Punkte bringen, wenn sie nicht leer bleiben. Wer jagt, sollte wiederum sicherstellen, dass überhaupt etwas Essbares auf vier Beinen herumsteht. Besonders stark ist, wie die Module jeweils neue ökologische Gemeinheiten ins Spiel bringen: Mal fliegen Arten einfach davon, mal trampeln Dinos durchs Ökosystem, mal kommt ein Meteorit und erklärt allen Plänen die Bedeutungslosigkeit. Nature ist dabei etwas runder und weniger bissig als Evolution, aber gerade dadurch angenehm flexibel. Für alle, die gern Arten erschaffen, anpassen und gelegentlich gepflegt aussterben lassen, ist das ein sehr reizvoller Naturkundeunterricht mit Schadenfreudebonus.

Leserbewertungen

Leserwertung Nature: 6,0 6.0, 1 Bewertung(en)

Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz Kommentar
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 11.04.26 von Kichererbse - „Nature“ ist ein Familien- und Kennerspiel für 1-4 Spieler ab 10 Jahren und dauert etwa 45 Minuten. Worum geht es? In Nature müssen sich verschiedene Spezies in einem sich ständig verändernden Ökosystem behaupten, indem sie genügend Nahrung finden, erfolgreich jagen und sich vor Raubtieren schützen. Nur wer die eigenen Spezies vermehrt und sie mit nützlichen Merkmalen, wie Hörner, Panzerung, Schnelligkeit oder Klettern ausstattet, kann diesen strategischen Kampf ums Überleben gewinnen.. Das Spiel ist so konzipiert, dass es durch zusätzliche Module (wie z. B. das Flight-Modul oder das Jurassic-Modul mit Dinosauriern) erweitert werden kann, um den Schwierigkeitsgrad und das Setting anzupassen. Fazit: „Nature“ ist ein wunderschönes Spiel mit angenehmer Spieltiefe. Für Langzeitspielspaß und für Abwechslung wird durch unzählige Merkmalskombinationen, dynamische Simulation von Ökosystemen und durch separate Zusatzmodule gesorgt. Besonders lobenswert sind die Gestaltung und die Materialqualität sowie der thematische Spielablauf. Sehr empfehlenswert und daher glasklar Daumen hoch! 😀👍