Rezension/Kritik - Online seit 29.11.2019. Dieser Artikel wurde 1837 mal aufgerufen.

Ragusa

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Autor: Fabio Lopiano
Verlag: Capstone Games
Braincrack Games
Giant Roc
Rezension: Carsten Burak
Spieler: 1 - 5
Dauer: 40 - 80 Minuten
Alter: ab 12 Jahren
Jahr: 2019
Bewertung: 5,0 5,0 H@LL9000
5,0 5,0 Leser
Ranking: Platz 1229
Ragusa

Spielziel

Die Stadt Dubrovnik, gelegen an der Adria im Süden Kroatiens, trug bis 1921 offiziell den Namen Ragusa. Die Republik Ragusa war in der Zeit zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert eines der wichtigsten Handelszentren im Mittelmeerraum.

Im Jahr 2019 über Kickstarter in der englischen und über die Spieleschmiede in der deutschen Version erschienenen Spiel Ragusa, einem Eurogame von Fabio Lopiano und Braincrack Games, geeignet für 1 - 5 Spieler ab 12 Jahren, errichten die Spieler im 15. Jahrhundert Gebäude und Stadtmauern, um ihren Einfluss auszudehnen und ihre Wirtschaft auszubauen. Es vereint in gewisser Weise Worker Placement mit Engine Building.

Siegpunkte werden durch den Ausbau der Stadtmauer, durch den Handel mit Schiffen und eigenen Erzeugnissen sowie durch das Erfüllen von Bonuskarten errungen. Der hierbei erfolgreichste Spieler gewinnt.

Ablauf

Das Spielfeld ist unterteilt in große Hexfelder, deren Eckpunkte Bauplätze für Gebäude darstellen. In Nachbarschaft dieser Bauplätze befinden sich außerhalb der Stadt Rohstoffe wie Holz, Stein, Silbererz, Oliven, Weintrauben und Fisch. Durch Platzieren eines Gebäudes auf einem dieser Eckfelder erlangen die Spieler Zugang zu diesen Rohstoffen.

Holz ermöglicht den Gebäudebau außerhalb, Stein hingegen innerhalb der Stadtgrenzen. Auf den Stadtgrenzen zu errichtende Gebäude beanspruchen beide Ressourcen. Die Kosten steigen jedoch mit jedem weiteren, eigenen, an dasselbe Hexfeld grenzende Gebäude.

Innerhalb der Stadt gewähren platzierte Gebäude Zugang zu den benachbarten zehn unterschiedlichen Aktionen.

Über Kärtchen tracken die Spieler am eigenen Tableau die Zahl ihrer Rohstoffzugänge sowie auf dem Tableau ihre Erzeugnisse von Weingut, Öhlmühle und Silberschmied.

Auf je einer Leiste für Speiseöl, Wein und Silberbarren werden deren Preisentwicklungen getracked. Beim Handel mit diesen Gütern sinkt oder steigt deren Marktwert. Er bestimmt stets, wie viele Siegpunkte ihr Verkauf einbringt.

Ein Spielzug besteht außerhalb der Stadt aus dem Platzieren eines Gebäudes und dem Aktualisieren der damit neu erworbenen Zugänge über das entsprechende Kärtchen.

Innerhalb der Stadt löst das Platzieren eines Gebäudes die Aktionen aller angrenzenden Hexfelder aus. Der aktive Spieler wählt zunächst eines und aktiviert dessen Aktion für das gerade platzierte Gebäude. Im Uhrzeigersinn wird das Hexfeld nun auf bereits vorhandene Nachbargebäude überprüft. Der Besitzer eines solchen Gebäudes aktiviert nun ebenfalls für sich die vom aktiven Spieler gewählte Aktion. Sind alle dort ansässigen Gebäude aktiviert worden, wählt der aktive Spieler die Aktion des nächsten benachbarten Hexfeldes und die Prozedur wiederholt sich.

Ölmühle, Silberschmied und Weingut verarbeiten Oliven, Erze und Trauben zu Speiseöl, Barren und Wein. Diese Erzeugnisse lassen sich für Siegpunkte am Kai und in der Kathedrale sowie für den Erwerb von Handelsschiffkarten nutzen.

Der Fürstenpalast bietet den Erwerb von Bonuskarten. Diese gewähren am Spielende je maximal 12 Siegpunkte für viele unterschiedliche Rohstoffe, Erzeugnisse, Bauten, Importgüter usw.

Der Steinmetz bietet seine Dienste für Bauarbeiten an der Stadtmauer an. Sowohl beim Platzieren eines Mauerstücks als auch am Spielende für die längste, nicht durch andere Spielergebäude oder -türme unterbrochene Mauer erhält der Spieler Siegpunkte - je länger, desto mehr!

Der Baumeister errichtet Türme auf der Stadtmauer zwischen den Mauerteilen. Das erweitert das eigene Stadtmauerstück und kann ihre Unterbrechung durch ein fremdes Gebäude überbrücken.

Der Markt erlaubt den Erwerb von Schiffskarten.

Die Fischbörse erlaubt, per Jederzeit-Aktion, Fisch in Rohstoffe umzuwandeln.

Fazit

Ist das Spiel sein Geld wert? Wenn ja, warum? Ich würde die Frage mit Ja beantworten. Denn ...

1. Grundsätzlich zeichnet sich Ragusa durch einen ebenso spannenden wie ungewöhnlichen Aktionsmechanismus aus. Es bringt eine Art automatisierter Huckepackaktion mit - der aktive Spieler platziert ein Haus, führt seine Aktion aus, und alle dort ansässigen Spieler tun es ihm gleich. Das (er)fordert strategisch günstiges Platzieren der eigenen Häuser. Ein großer Reiz des Spiels!

2. Ragusa ist zu dritt in maximal einer Stunde durchgespielt, zu viert dauert es nicht viel länger und zu fünft ist es ebenfalls in eineinhalb Stunden durch. Das macht die meisten Runden zu einem strategisch dichten, kurzen und spannenden Spielerlebnis, geprägt von einem Rennen um begehrte Bauplätze.

Drei Spieler starten mit je 12, vier Spieler mit 10 und fünf mit 9 Häusern. Erinnerung: Ein Spielzug besteht in der ersten Spielhälfte hauptsächlich aus dem Platzieren eines Hauses und dem Tracken von Rohstoffen sowie vielleicht ein, zwei Aktionen. Das geht fix!

3. Die positive Interaktion, die der Aktionsmechanismus mitbringt, sowie die negative Interaktion. Das Unterbrechen eines Mauerstücks eines Mitspielers oder das Besetzen eines lukrativen Aktionsfeldes prägen den Charakter des Spiels und sorgen für passive Erfolgserlebnisse sowie für Zähneknirschen bei den Mitspielern.

Grundsätzlich macht es Spaß, sich der Herausforderung zu stellen, abwägen zu müssen, in welche Strategie(n) man wirklich investieren will, abhängig davon, inwieweit hier bereits ein anderer Spieler aktiv ist.

Beispielsweise hatte ich in meiner letzten Partie festgestellt, dass ein Mitspieler bereits mit 3 Gebäuden beim Steinmetz vertreten war. Er hatte also vor, eine Menge Punkte über die Stadtmauer zu generieren. Meine Überlegung war, ob es überhaupt sinnvoll ist, hier auch noch aktiv zu werden, da jedes zusätzliche Gebäude beim Steinmetz auch die drei vorhandenen Gebäude des erwähnten Mitspielers aktiviert, was ihm zusätzliche Gelegenheiten bietet, sein Mauerprojekt noch weiter voranzutreiben. Dieses Prinzip lässt sich natürlich übertragen auf andere Aktionsfelder wie den Markt, der den Erwerb von Schiffskarten erlaubt. Es durchdringt und prägt den Spielverlauf, sobald die Spieler in der Stadt aktiv werden.

Man sollte nicht die Aktionsfelder Fürstenpalast und Kathedrale unterschätzen. Je mehr Gebäude man beim Fürstenpalast platziert, desto mehr Bonuskarten lassen sich für die Spielendwertung erwerben. Je mehr Gebäude man im Schatten des Gotteshauses errichtet, desto mehr Sets aus Wein, Speiseöl und Silberbarren dürfen in der Endwertung für Siegpunkte eingetauscht werden. Beide Aktionsfelder sind vom beschriebenen Interaktionsmechanismus ausgenommen. Soll heißen: Das Platzieren eines Gebäudes löst keine Aktivierung schon vorhandener Gebäude aus.

Und sonst? Wirklich alles toll? N-nein ...

Die positive Interaktion fühlt sich klasse an mit zwei oder drei Spielern. Mit höherer Spielerbeteiligung erhält Ragusa jedoch einen faden Beigeschmack. Da gewinnt man den Eindruck, dass der Startspieler hier profitiert! Er ist meist der Erste, der ein Haus in der Stadt platziert und somit Nutznießer beim Bau weiterer Gebäude auf dem entsprechenden Hexfeld ist. Es gibt hier keinen Ausgleich für die anderen Spieler in Bezug auf die Startbedingungen.

Das Spiel wird in Partien zu fünft zu einem sehr knackigen, hochkompetitiven Erlebnis. Hier erhält jede Entscheidung umso mehr Gewicht, da die Zahl der eigenen Aktionen durch die spielerzahlbedingte Reduktion der Häuser stark limitiert ist und man daher möglichst oft in den Genuss von Nachbarschaftsaktionen kommen möchte. Allerdings ist hier eine interaktionsbedingte Glückskomponente sehr präsent. Das schmeckt nicht jedem, weder mir persönlich noch einigen meiner Mitspieler. Ich würde sagen, dass der angenehmste Spielercount hier bei 3 liegt. Der Grad an Interaktion bewegt sich hier in einem völlig akzeptablen Rahmen - weder zuviel noch zu wenig. Es lassen sich Pläne entwickeln und auch umsetzen, ohne dass es solitär wird.

Es ist manchmal schwierig, aufgrund der ungewöhnlichen Bauvoraussetzungen den Überblick darüber zu behalten, ob man ein Gebäude noch bauen darf. Es wird daher irgendwann auch schlichtweg mal vergessen, dass man für ein Gebäude in der Stadt über gar nicht genügend Zugang zu Stein verfügt.

Das Spielfeld glänzt nicht unbedingt durch Übersichtlichkeit. Die schwach erkennbaren Hexfeldlinien sorgten in allen meinen Spielrunden für Stirnrunzeln.

Auch die Ikonographie ist mangelhaft. Sowohl Kai als auch Kathedrale weisen dieselbe Symbolik auf, funktionieren jedoch unterschiedlich. Während ich am Kai pro Haus 1 Einheit derselben Ware verkaufen kann, benötige ich in der Kathedrale 1 Set aus Wein, Öl und Barren.

Die Spielanleitung verdient ebenfalls das Prädikat "Mangelhaft". Wer im boardgamegeek-Forum stöbert, wird auf viele Regelfragen stoßen. Ich möchte gar nicht alle nennen, sondern beschränke mich auf ein Beispiel:

Der Abschnitt "Bauvoraussetzungen" verschweigt ein wichtiges Regeldetail, auf das der Autor im boardgamegeek-Forum hinweist. Baut man an der Küste und hat nicht genügend Zugang zu Stein, um dieses Gebäude bauen zu können, kann man den Fisch, zu dem man mit der Bauaktion Zugang erhält, direkt über die Fischbörse in Stein umtauschen, um die Bauvoraussetzung zu erfüllen. Klingt logisch, jedoch ist das etwas, auf das ein Regelbuch hinweisen sollte.

Noch ein paar Worte zum Zweispielermodus:

Dieser möchte den Aspekt, der Ragusa so spannend macht - die Interaktion - fördern und gibt beiden Spielern je zwei Machtzentren (zwei Häuser einer neutralen Farbe) an die Hand. Diese dürfen ausschließlich auf den Stadtmauerbauplätzen errichtet werden, und zwar pro Hexfeld nur eines. Die Machtzentren sind ein sehr interessantes Spielelement, das nur für den aktiven, dieses Gebäude platzierenden Spieler alle angrenzenden Gebäude, auch die des Gegners, aktiviert.

Beim Platzieren eines Gebäudes der eigenen Farbe in Nachbarschaft zu einem Machtzentrum zählt dieses als Gebäude der eigenen Farbe. Das funktioniert ganz gut, aber wie gesagt, Ragusa lebt von der Interaktion, vom Wettbewerb. Von beidem gibt es in Partien mit 3 und 4 Spielern schlicht mehr, zu fünft meiner Meinung nach zu viel.

Rezension Carsten Burak

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H@LL9000-Bewertungen

H@LL9000 Wertung Ragusa: 5,0 5,0, 2 Bewertung(en)

Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz Kommentar
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 10.10.19 von Carsten Burak
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz Kommentar
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 14.09.19 von Michael Andersch - Interessanter Setz-Mechanismus und erstaunlich schnelles Spiel (40 Minuten zu dritt sind auch in der ersten Partie durchaus machbar), obwohl Schachtel und Material "was Größeres" vermuten lassen. Kritikpunkte sind allenfalls der für meinen Geschmack zu dunkle, etwas depressive Plan und die auf Dauer vielleicht etwas langweilige statische Anordnung der Aktionsfelder in der Stadt. Hier hätte ich mir zur Erhöhung des Langzeitspielreizes eine variable Auslagemöglichkeit gewünscht.

Leserbewertungen

Leserwertung Ragusa: 5,0 5.0, 1 Bewertung(en)

Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz Kommentar
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 26.08.19 von Dietrich - Noch ein Workerplacement-Spiel, dessen Mechaniken verbraucht sind, und das wegen fehlender Interaktion nur als Multiplayer-Solospiel erscheint? Nein, es ist ein Häuser-Placement-Spiel - aber ist das daher nur scheinbar anders? Wo ist der Unterschied? Vor allem in der Spielmechanik, die dem Thema angepasst ist: Als einzige Aktion in seinem Zug setzt der aktive Spieler eines seiner je nach Spieleranzahl begrenzten Häuschen auf den Schnittpunkt von drei angrenzenden Sechsecken des Spielplans in und um Ragusa, dem heutigen Dubrovnik, ein. Dadurch kann er entweder den Sechsecken zugeordnete Ressourcen freischalten oder Aktionen sofort ausführen. Allerdings muss er die Einsetzregeln beachten - jedes Sechseck nördlich Ragusas verlangt pro Haus ZUGANG zu einem Wald(holz)feld und jedes Sechseckfeld innerhalb Ragusas pro Haus ZUGANG zu einem Steinbruchfeld - ähnlich Ressourcen-Management von "7 Wonders". Weitere Zugänge gibt es für Ressourcen wie Weintrauben, Oliven, Silbererz und Fische. In der Stadt kann man mit Hilfe von Sechseckfeldern an der siegpunktträchtigen Stadtmauer mit Toren bauen. Oder man kann Oliven zu Speiseöl, Silbererz zu Silberbarren und Weintrauben zu Wein weiterverarbeiten. Während man die Rohstoffe nie verbraucht, sondern immer ZUGANG zu ihnen hat, lassen sich die so erzeugten Waren in Siegpunkte umwandeln oder auch in siegpunktbringende Schiffsladungen eintauschen. Der interessantere Mechanismus des Spiels befindet sich im Stadtgebiet Ragusas: Wenn ein Spieler sein Häuschen dort einsetzt, darf jeder im Uhrzeigersinn pro Haus des Sechseckfeldes dieselbe Aktion ebenfalls ausführen. So kommt es, dass zum Beispiel trotz nur 6 Plätzen für den Mauerbau insgesamt 1, 2, 3, 4, 5 und 6 = 21 Mauerstücke platziert oder die Warenlager der Spieler für Ölamphoren durch die Aktionen der Ölmühle vollständig gefüllt werden können. Zudem darf man die Schlusswertung des jeweils längsten Mauerstücks eines Spielers und die der Zielkarten sowie von vollständigen Warensets nicht aus den Augen verlieren. Ein schönes und in Teilen interaktives Spiel ... es stört leider nur die dunkle Grafik (siehe Brass-Deluxe-Editionen, Helvetia, Crisis, Fürsten von Florenz -pro ludo).

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