Rezension/Kritik - Online seit 19.02.2026. Dieser Artikel wurde 2355 mal aufgerufen.

Kutna Hora: The City of Silver

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Verlag: Czech Games Edition
Rezension: Nick Bornschein
Spieler: 2 - 4
Dauer: 60 - 120 Minuten
Alter: ab 13 Jahren
Jahr: 2023
Bewertung: 4,3 4,3 H@LL9000
4,7 4,7 Leser
Ranking: Platz 2245
Kutna Hora: The City of Silver
Auszeichnungen:2023, Golden Geek innovativstes Spiel Nominierung2025, As d'Or - Jeu de l'Année Expertenspiel Gewinner2025, As d'Or - Jeu de l'Année Expertenspiel Nominierung

Spielziel

Die tschechische Stadt Kutná Hora zählte im Spätmittelalter zu den bedeutendsten Zentren Europas. Der Reichtum an Silbererz machte sie zeitweise zur zweitwichtigsten Stadt Böhmens nach Prag und prägte ihre wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Entwicklung nachhaltig. Bergwerke, Münzprägung, Handel, kirchliche Macht und städtische Selbstverwaltung waren hier untrennbar miteinander verbunden und bestimmten Aufstieg wie Niedergang der Stadt. Monumentale Bauwerke wie der Dom der Heiligen Barbara zeugen bis heute vom einstigen Wohlstand und vom Einfluss konkurrierender Interessen zwischen Kirche, Adel und Bürgerschaft.

Ablauf

Das Brettspiel Kutná Hora: The City of Silver greift diesen historischen Hintergrund auf und versetzt die Spieler in die Zeit der Stadtentwicklung. Im Mittelpunkt stehen der Ausbau der Bergwerke und der Bau von Gebäuden in der Stadt. Der Spielplan zeigt die beiden eng miteinander verzahnten Bereiche: unterirdisch die Silberbergwerke und oberirdisch die wachsende Stadt.

Die Mechanik der Wirtschaft in Kutná Hora ist vollständig dynamisch angelegt und reagiert unmittelbar auf das Handeln aller Spieler. Für jede der sechs Ressourcen existiert ein eigener Preis, der sich entlang von Angebot und Nachfrage verschiebt. Wird z. B. durch den Bau von Gildengebäuden die Produktion einer Ressource erhöht, wächst das Angebot und der Preis sinkt. Steigt hingegen die Nachfrage, etwa durch eine wachsende Bevölkerung oder bestimmte Gebäudeeffekte, erhöhen sich die Preise entsprechend. Diese Veränderungen werden über Bevölkerungs- und Erzmarker gesteuert, die Kartenstapel durchlaufen und dabei Schwellenwerte auslösen, an denen zusätzliche Effekte wie steigende Genehmigungskosten oder das zeitweise Verschwinden eines Marktes eintreten. Ressourcen werden dabei nicht gelagert oder gehandelt, sondern ihr aktueller Preis bestimmt unmittelbar die Kosten von Aktionen.

Das Spiel selbst verläuft über mehrere Runden. In jeder Runde führen die Spieler nacheinander drei Züge aus. Grundlage dafür sind sechs Aktionskarten pro Person, von denen pro Zug jeweils eine gespielt wird. Jede Karte bietet zwei unterschiedliche Aktionen, von denen nur eine gewählt werden darf; die Karte steht danach für den Rest der Runde nicht mehr zur Verfügung. Im Spiel stehen mehrere zentrale Aktionen zur Verfügung, die eng miteinander verzahnt sind.

Mit der Bergwerk-Aktion werden neue Bergwerke erschlossen. Dafür müssen ausreichend Bergleute vorhanden sein, gegebenenfalls unter Einsatz von Genehmigungen. Neue Bergwerke erhöhen die Erzproduktion, können sofort Siegpunkte liefern und beeinflussen über Bevölkerungs- und Erzmarker die Marktpreise. Über die Baurechte-Aktion können Bauplättchen aus dem Rathaus erworben werden. Zur Auswahl stehen Gildengebäude der eigenen Gilden sowie öffentliche Gebäude. Die Kosten richten sich nach der Position des Plättchens auf dem Rathaus-Tableau und werden in Genehmigungen bezahlt, deren Preis ebenfalls marktabhängig ist. Die Grundstück-Aktion ermöglicht es, Bauplätze in der Stadt zu beanspruchen. Zu Beginn können Grundstücke frei gewählt werden, später nur noch angrenzend an bestehende Bebauung. Die Kosten hängen von der Nachbarschaft ab, lassen sich jedoch durch eine hohe Reputation reduzieren.

Mit der Gebäude-Aktion werden zuvor erworbene Gebäude auf eigenen Grundstücken errichtet. Die Baukosten werden in Holz bezahlt, dessen Preis dem Markt unterliegt. Nach dem Bau werden sofortige Effekte ausgelöst, etwa Produktionssteigerungen, Reputation, Siegpunkte oder zusätzliche Bauoptionen. Die Einkommen-Aktion dient der Geldbeschaffung. Alle produzierten Ressourcen werden zu den aktuellen Marktpreisen abgerechnet und in Groschen ausgezahlt. Zusätzlich können über diese Aktion Patrizier aus dem allgemeinen Vorrat in den Stadtrat gebracht werden, was für spätere Wertungen relevant ist. Über die Aktion "Heilige Barbara" können mithilfe von Pelikanwappen (Symbol der Corpus-Christi Gemeinschaft) Fortschritte am Dom erzielt werden. Diese aktivieren die Effekte der aktuellen Domplättchen, ohne die sonst üblichen Steuererhöhungen auszulösen, und ermöglichen so den Erhalt von Reputation, Siegpunkten oder Sonderaktionen. Die Joker-Aktion erlaubt es schließlich, eine beliebige andere Aktion auszuführen. Ist die eigene Reputation jedoch nicht hoch genug, kostet der Einsatz des Jokers zusätzliche Reputation.

Am Ende jeder Runde müssen die Spielenden entscheiden, ob sie Steuern zahlen oder stattdessen Reputation verlieren. In den letzten Runden kommen zusätzlich Patrizierwertungen ins Spiel, bei denen unterschiedliche Aspekte wie Gebäudeanordnung, Bergwerksverteilung, genutzte Wappen oder ausgebaute Gilden bewertet werden.

Fazit

Kutná Hora: The City of Silver ist ein anspruchsvolles Wirtschaftsspiel, das sich deutlich von klassischen Eurogames absetzt, indem es nicht nur individuelle Optimierung belohnt, sondern ein gemeinsames ökonomisches System simuliert, das von allen Entscheidungen gleichzeitig geprägt wird. Eine der größten Stärken liegt genau in dieser dynamischen Wirtschaft: Preise sind nicht statisch, sondern ein zentrales Spielelement, das Planung erschwert und langfristige Strategien immer wieder infrage stellt. Wer produziert, beeinflusst den Markt – oft zum eigenen Nachteil, weil die Kosten dadurch teils empfindlich steigen können, aber auch möglicherweise zum Vorteil Anderer. Dieses Spannungsfeld erzeugt eine hohe spielerische Dichte und ein starkes Gefühl wirtschaftlicher Abhängigkeiten.

Sehr gelungen ist auch die Verzahnung von Berg- und Stadtbau. Beide Ebenen verfolgen eigene Logiken, greifen aber permanent ineinander: So steigern Bergwerke die Erzproduktion und Erznachfrage, Gebäude verändern Produktionsketten, Reputation beeinflusst Kosten, Steuern und Aktionsfreiheit. Nichts steht isoliert, und selbst scheinbar kleine Entscheidungen können langfristige Konsequenzen haben. Das sorgt für ein hohes Maß an strategischer Tiefe und belohnt vorausschauendes Denken.

Das Aktionskartensystem ist ein weiterer Pluspunkt. Die Beschränkung, pro Runde nicht alle Optionen nutzen zu können, erzeugt spürbaren Entscheidungsdruck. Jede ausgespielte Karte schließt andere Möglichkeiten aus, wodurch Prioritäten klar gesetzt werden müssen und der Spielzug gut vorausgeplant werden sollte.

Auf der anderen Seite ist Kutná Hora: The City of Silver kein zugängliches Spiel. Die Regeln sind umfangreich, die Symbolik sehr dicht, und viele Mechanismen erschließen sich erst im Zusammenspiel. Gerade die wirtschaftlichen Effekte entfalten ihre Logik oft erst nach ein oder zwei Partien. Für Gelegenheitsspieler oder Runden, die schnelle Erfolgserlebnisse suchen, kann das Spiel überfordernd wirken. Auch der Verwaltungsaufwand ist nicht zu unterschätzen: Marker, Preise, Kartenstapel und Effekte müssen ständig im Blick behalten werden, was das Spieltempo bremsen kann.

Ein weiterer möglicher Kritikpunkt ist die indirekte Interaktion. Konflikte entstehen vor allem über Marktveränderungen, weniger über direkte Konfrontation. Zudem kann es passieren, dass frühe wirtschaftliche Entscheidungen spätere Optionen stark einschränken, ohne dass dies im Moment der Entscheidung vollständig absehbar war. Auch die Planung innerhalb eines Zuges kann durch die Aktionen von Mitspielern zunichte gemacht werden, wobei ausreichend Alternativen bestehen.

Insgesamt richtet sich Kutná Hora: The City of Silver klar an erfahrene Spieler, die komplexe Systeme, langfristige Planung und sich langsam entwickelnde Dynamiken schätzen. Dabei ist es wichtig, dass sich Spieler hier auf ein Spiel einlassen, das weniger verzeiht als viele klassische Aufbauspiele – dafür aber ein ungewöhnlich dichtes und kohärentes Wirtschaftserlebnis bietet.

Rezension Nick Bornschein

Anmerkung: Zur besseren Lesbarkeit der Texte verwenden wir häufig das generische Maskulinum, welches sich zugleich auf weibliche, männliche und andere Geschlechteridentitäten bezieht.

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H@LL9000-Bewertungen

H@LL9000 Wertung Kutna Hora: The City of Silver: 4,3 4,3, 3 Bewertung(en)

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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 19.01.26 von Nick Bornschein - Die Mischung aus düsterem Spielbrett, farbig frohen Details und der dynamischen Wirtschaft schaffen ein durchaus beachtenswertes Spiel, dass nach kurzer Einarbeitung richtig Spaß macht.
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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 01.11.23 von Michael Andersch - Thematisch gut und materialmäßig sehr aufwändig, aber schon ein wenig mechanisch, trotz aller Bemühungen um Flair.
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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 26.01.24 von Michael Timpe - Der Marktmechanismuss ist sehr cool, ansonsten schliesse mich dem Michael vor mir an: Recht mechanisch, Aktionen und Punkte optimieren wo es geht. Die Aktionen der Mitspieler sind nur in sofern interessant dass sie die Marktpreise beeinflussen, das verstehe ich aber kaum als Interaktion. Denke nach 3-4 Partien verschwindet das Spiel dauerhaft aus dem Gedächtnis.

Leserbewertungen

Leserwertung Kutna Hora: The City of Silver: 4,7 4.7, 3 Bewertung(en)

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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 28.11.23 von Eric - Fazit nach 2 Partien (zu zweit und zu viert): sehr taktisches Aufbauspiel mit schöner Spielerinteraktion und Marktmanipulation. Strategien sind schwer umzusetzen — man taktiert eher von Runde zu Runde.
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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 26.01.24 von schwenkbraten - Großartige Materialqualität (glänzendes Silber und Gold) und ebenso tolle Regel führten zu großer Vorfreude. Letztendlich hat sich schnell Ernüchterung eingestellt. Es spielt sich sehr schnell repetitiv, Aktionen und Gebäude sind immer gleich. Die Patrizierwertung ist völlig sinnlos, da die Mitspieler auch profitieren, wenn man sich teure Patrizier in den Rat holt. Die heilige Barbara, die auch immer gleich ist, will keiner machen, weil der nächste dann einen meist viel besseren Bonus bekommen kann. Das gleiche gilt für die Holzgilde, deren Bauaktionen dazu führen, dass alle anderen meist günstiger bauen können. Für 2 Spieler halte ich das Spiel ungeeignet. Die wenigen Ereignisse versuchen verzweifelt, den Markt etwas am Leben zu halten. In den letzten Runden haben wir einen Taschenrechner gebraucht, um die Einkommen auszurechnen. Sehr nervig und viel Verwaltungsarbeit. Positiv ist aber in jedem Fall der Marktmechanismus zu erwähnen.
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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 27.04.24 von Klaus Seitz - Ja, das Spiel ist Mathematik pur. Ein Overkill an Möglichkeiten und jeder Siegpunkt hart erkämpft. Ansonsten kann ich den bisherig mittelmäßigen Bewertungen nicht zustimmen, es ist ein toller, anspruchsvoller Brainfucker. Die Schieber der Marktkontroller hakeln leider etwas. Ich gebe dem Spiel hauptsächlich wegen dem ungefälligen, nicht massentauglichen Design keine große Zukunft.

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