Rezension/Kritik - Online seit 22.06.2015. Dieser Artikel wurde 4322 mal aufgerufen.

Wildcatters

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Autor: André Spil
Illustration: Bas Jongkind
Daan van Paridon
Verlag: RASS Games
Rezension: Michael Timpe
Spieler: 3 - 4
Dauer: 120 Minuten
Alter: ab 12 Jahren
Jahr: 2013
Bewertung: 3,5 3,5 H@LL9000
3,3 3,3 Leser
Ranking: Platz 3814
Wildcatters

Spielziel

Ölspiele gibt es wie Erdöl selber (keine Angst, die gehen nicht zur Neige) in großen Mengen und Ausprägungen, von ziemlichem Schrott bis brauchbar. Was viele dieser Spiele eint, ist der Versuch, das Thema sehr stark in den Vordergrund zu stellen.

Prinzipiell mag ich Spiele mit starkem, nicht völlig aufgesetztem Thema gerne, nur leider geht dies zumindest beim Öl oft allzu sehr zu Lasten der Spielbarkeit. Auch bei Wildcatters sind die Mechaniken eng mit dem Thema verwoben, ob dies ebenfalls zu Lasten des Spielspaßes geht, habe ich gründlich ausprobiert.

Ablauf

Wildcatters spielen wir auf einer Weltkarte, auf der die wichtigsten Fördergebiete der Erde dargestellt sind. Diese werden über Eisenbahnlinien mit Häfen und - noch zu errichtenden - Raffinerien auf der ganzen Welt verbunden. Jeder Spieler repräsentiert eine Aktiengesellschaft, die mit verschiedensten Investitionen versucht, möglichst viel Öl zu fördern und zu exportieren.

Im Verlauf des Spiels errichten die Spieler zunächst Bohrtürme, die später in Ölpumpen umgewandelt werden können. Eisenbahnverbindungen werden zwischen den Fördergebieten und den Häfen errichtet, in denen Öltanker schon darauf warten, das Öl zu den frisch errichteten Raffinerien auf der ganzen Welt zu bringen. Von den Raffinerien erfolgen schließlich die Öl-Lieferungen, immer jeweils an das Land, in dem die Raffinerie steht.

Für die Spieler besteht die Aufgabe darin, mit knappen Geldmitteln die Förderung, den Transport, die Verarbeitung und Lieferung des Öls optimal zu koordinieren, um damit vor allem Aktien zu verdienen. Bis hierher ist alles noch sehr klassisch.
Aufhorchen lassen die Siegbedingungen: Mehrheiten sind gefragt, und das in allen Bereichen: beim Geld, in Aktien und vor allem beim gelieferten Öl pro Land.

Pro Spielzug erhält jeder Spieler dazu 20 Geld, mit dem er verschiedene Aktionen auslösen kann. Bauen von Öltürmen, Pumpen oder Raffinerien, Öl fördern, transportieren und an Raffinerien liefern. Dabei kosten in der Regel sowohl das Auslösen einer Aktion als auch die damit verbundenen Handlungen Geld.

Welche Aktionen man auslöst, will gut überlegt sein, denn an vielen Aktionen können die Mitspieler eifrig partizipieren. Für die Mitspieler kostet das Teilnehmen an Aktionen dabei kein Bargeld, sondern meist nur ein oder zwei eigene Aktien, die der auslösende Spieler erhält, was zumindest vordergründig erst mal billig erscheint.

Mit den Aktien hat es eine etwas andere Bewandtnis als sonst gemeinhin üblich: Eigene Aktien können zu einem extrem schlechten Kurs als „Jokergeld“ verwendet werden, ansonsten sind sie aber mehrheitlich „Tauschgut“, das für die Teilnahme an Aktionen der Mitspieler bezahlt wird.

Der größte Aktientausch findet bei der Lieferung von Öl an die Raffinerien statt. Pro Fass erhält man vom Besitzer der Raffinerie zwei seiner Aktien. Dabei kann dieser eine Lieferung nicht ablehnen, solange seine Raffinerie noch Kapazitäten frei hat. Damit geht dann zwar das Öl auch in seinen Besitz über, und er kann es später für noch mehr Aktien weiter verkaufen, aber erst mal muss er dafür zahlen.
Sollten einem Spieler die eigenen Aktien ausgehen, weil er z.B. gerade eine größere Öllieferung von wohlmeinenden Mitspielern erhält, muss er die fehlenden zu einem wiederum extrem schlechten Kurs von der Bank nachkaufen.

Aktien werden im Spiel also fleißig getauscht. Abgeben muss man meist die eigenen und erhält entsprechend fremde Aktien zurück.
Am Ende des Spiels ist aber nicht jede Aktie X Wert, sondern Mehrheiten pro Aktiensorte geben Punkte. Dazu kommen noch die Mehrheiten für geliefertes Öl, was einzeln pro Kontinent gewertet wird. Hier zählen schließlich die Ölfässer aber wieder pro Spielerfarbe, was bedeutet, nach allem Hin-und Her-Tauschen zählt am Ende jedes geförderte Fass wieder für seinen ursprünglichen Besitzer.

Fazit

Etwas verwirrt von der Spielbeschreibung? Wildcatters spielt sich über weite Strecken ungewöhnlich, dabei sind die Mechanismen gut miteinander verzahnt und die Abhängigkeiten voneinander groß.

Ein Ölspiel, das im Kern ein verkapptes Mehrheitenspiel ist, das ist schon mal ungewöhnlich, zumal Mehrheitenspiele weithin als unpopulär gelten. Spielerisch fühlt sich Wildcatters durch den Aktionsmechanismus allerdings recht unterschiedlich an. Gerade am Anfang des Spiels spielen die Mehrheiten noch nicht so eine Rolle, solange noch der Aufbau der eigenen Infrastruktur im Vordergrund steht.

Ständig steht man vor der Frage, ob man mehr nur auf Eigeninteressen spielt, in Gebieten, wo die Mitspieler möglichst nicht vertreten sind, oder die Mitspieler an Aktionen teilnehmen lässt, was denen zwar Tempo, einem selbst aber Aktien einbringt. Schwierig ist diese Entscheidung vor allem deswegen, weil der Wert der Aktien nicht klar definiert ist. Die x-te Aktie einer Farbe, von der man eh schon lange die Mehrheit besitzt, ist wertlos. Die eine Aktie aber, die einem vom zweiten Platz zur Mehrheit verhilft, ist extrem wertvoll.

Auch die Frage, ob man Öl produziert und an seine eigene Raffinerie liefert oder lieber an die Raffinerien der Mitspieler oder ob man sich gleich ganz nur auf Raffinerien konzentriert, konnte ich für mich noch nicht eindeutig entscheiden (oder vielleicht mag ich hier auch nur nicht meine Killerstrategie verraten). Im Spiel hängt dies meines Erachtens stark von den Mitspielern ab, welche Ziele diese verfolgen.
Die zumeist friedliche Interaktion zwischen den Spielern spielt also eine große Rolle im Spiel, was mir persönlich gut gefällt.

Doch kein Licht ohne Schatten: Kritik muss sich Wildcatters bei der Spieldauer gefallen lassen. Die Rundenzahl kam mir etwas zu lang vor, und über die Spieldauer von zumeist gut 2 Stunden trägt der Spannungsbogen doch nicht ganz. Sicherlich braucht es genügend Runden, um verschiedene Strategien möglich zu machen, doch wenn von den 12 Mehrheiten im Spiel 8 ziemlich sicher vergeben sind, lässt das Interesse an den letzten einfach nach.
Dazu gesellt sich der Umstand, dass wie bei vielen Mehrheitenspielen Mehr-Spieler-Partien spannender sind, aber leider auch länger dauern. Der Unterschied zwischen drei oder vier Spielern ist nicht riesig, ich tendiere aber eher zur 3er-Runde.

Lobend erwähnt werden muss das Material, das mit festem Karton, gefälliger Grafik und kleinen Bohrtürmen zum Zusammenstecken auch optisch ein schönes Spielgefühl vermittelt. Eine übersichtliche und verständliche Spielanleitung sowie kleine Spielübersichten für alle Spieler runden den sehr positiven Gesamteindruck ab.

Zusammengefasst ist Wildcatters unter den Ölspielen für mich ein herausragendes Beispiel, das man auch trotz Themenbezug ein gutes Spiel kreieren kann. Vor allem die gute Grafik, das ansprechende Material und die abwechslungsreich verwobene Spielerinteraktion gefallen mir gut.

Die Spieldauer allerdings empfinde ich wie beschrieben als etwas zu lang, da das im Kern doch eher einfache Mehrheitenspiel auf die Dauer der Partie nicht genügend Abwechslung bietet, um auch in den letzten Runden noch ans Spielgeschehen zu fesseln. Ein Umstand, der mir besonders nach wiederholten Partien in kürzerer Zeit negativ auffiel.

Man muss daher zugeben, dass es abseits der Ölspiele andere Spiele gibt, die auch mit weniger Regeln ähnliches Spiel in kürzerer Zeit bieten. Für Ölspielfans wie mich sind diese aber natürlich keine Alternative.

Rezension Michael Timpe

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H@LL9000-Bewertungen

H@LL9000 Wertung Wildcatters: 3,5 3,5, 2 Bewertung(en)

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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 04.03.15 von Michael Timpe - Grafisch und Thematisch gefällt es mir super, spielerisch bleibt es auf Dauer aber doch etwas zurück, und kann seinen Mehrheiten-Kern nicht genügend ummanteln.
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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 21.07.14 von Michael Andersch - Interessanter Mechanismus und gutes Thema, allerdings mit einem für die Spieldauer deutlich zu großem Glücksanteil. Und ein wenig kürzer dürfte es auch sein.

Leserbewertungen

Leserwertung Wildcatters: 3,3 3.3, 3 Bewertung(en)

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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 21.07.14 von Volker Nattermann - Tolles Spiel, sehr interaktiv und spannend.
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz Kommentar
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 23.03.16 von Rouge Trader - Grundsätzlich ein schön gestaltetes Spiel mit einem interessanten Thema. Leider ist der Glücksanteil durch die Aktionskarten unverhältnismäßig hoch und einiges thematisch so gar nicht nachvollziehbar. ZB bezahlt man mit eigenen Aktien für das Benutzen anderer Transportmittel und muss anderen für den Erhalt von Öl eigene Aktien geben. Dafür erhält man bei Leerung einer eigenen Raffinerie wiederum Aktien wobei man sich aussuchen darf von welchen Unternehmen man diese haben möchte. Das ist absoluter Unsinn und dient nur dazu eine weitere künstliche Kategorie für Mehrheiten mit Aktien zu schaffen. Zudem bietet es als reines Mehrheitenspiel einfach auf Dauer zu wenig. Schade
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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 14.04.18 von Hans Huehnchen - Ich bin mir über weite Strecken des Spiels wie der Pingpong-Ball meiner Mitspieler vorgekommen. Dazu kommt ein massives Analyse-Paralyse-Problem im fortgeschrittenen Spielverlauf und unschöne Königsmachereffekte. Wildcatters bietet viele gute Ansätze, macht mir in der vorliegenden Form aber nur wenig Spaß.

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