Rezension/Kritik - Online seit 18.04.2010. Dieser Artikel wurde 5885 mal aufgerufen.

Lübeck

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Autor: Reiner Stockhausen
Verlag: dlp games
Rezension: Siegfried Biehler
Spieler: 3 - 5
Dauer: 30 Minuten
Alter: ab 8 Jahren
Jahr: 2009
Bewertung: 3,5 3,5 H@LL9000
4,5 4,5 Leser
Ranking: Platz 3453
Lübeck

Spielerei-Rezension

Ich gehe einmal davon aus, dass Sie von dlp-games bisher noch nichts, oder zumindest nicht viel gehört haben. Das darf Sie nicht verwundern, denn diesen Kleinverlag gibt es erst seit 2009 und er hatte seinen ersten öffentlichen Auftritt mit zwei Spielen auf der SPIEL ’09 in Essen. Wenn ich Ihnen aber sage, dass hinter dem Verlag Reiner Stockhausen steht, dann wird bei einigen der Groschen fallen, denn Herr Stockhausen ist in den letzten Jahren schon des öfteren als Spieleautor in Erscheinung getreten. Aus der Feder des Aachener Autors stammen Spiele wie Freibeuter und Dolce Vita (Hans im Glück), Die Sieben Weisen (alea), Null und Nichtig (Amigo) oder Fußball-Ligretto (Schmidt). Nun wagt sich Reiner Stockhausen mit einem eigenen Verlag an die Öffentlichkeit. Das Startprogramm besteht aus Crazy Kick, hinter dem sich das bereits erwähnte Fußball-Ligretto verbirgt und Lübeck, um das es in dieser Besprechung gehen soll.

Hintergrund zu Lübeck ist die Bedeutung der Hanse im 12. und 13. Jahrhundert als Handelsverbund vornehmlich im Nord- und Ostseeraum. Für uns Spieler ist die Stadt Ausgangspunkt von Handelsreisen in andere bedeutende Handelsstädte, in denen wir möglichst wertvolle Handelwaren verkaufen werden. Dabei agieren wir eher als Kaufleute und Seefahrer denn als Reeder, denn die Schiffe (Koggen), die uns zur Verfügung stehen, beziehen wir aus einem allgemeinen Vorrat. Die Schiffe werden auf einem einer Landkarte nachempfundenen Spielplan bewegt, wobei die möglichen Fahrtrouten zwischen den einzelnen Städten vorgegeben sind. Was jedem persönlich gehört, sind drei Spielfiguren einer Farbe, von denen eine als Marker für die Siegpunkte benötigt wird und die anderen beiden als Handelsherren bzw. Kapitäne für die Handelsfahrten gebraucht werden.

Wichtigste Komponente bei Lübeck sind 60 Spielkarten, die im Spiel verschiedene Funktionen erfüllen können. Alleine wie wir Spieler an diese Karten kommen, ist äußerst pfiffig gelöst. Zu Spielbeginn bekommen alle Spieler einmalig drei Karten auf die Hand. Zusätzlich, und das geschieht immer als erste Phase jeder Runde, werden Kartenpäckchen aus zwei Karten offen ausgelegt. Es werden immer zwei Kartenpäckchen mehr gebildet, als Spieler am Tisch sind. Das ist das Prinzip in der ersten Runde. In den Folgerunden bleiben die nicht gewählten Päckchen liegen, es wird zunächst je eine Karte pro benötigtem Päckchen ausgelegt und dann werden alle Päckchen noch um eine Karte ergänzt. Das bringt mit sich, dass die Päckchen ab der zweiten Runde auch aus mehr als zwei Karten bestehen können.

Aus dieser „Päckchenauswahl“ bedienen sich die Spieler reihum, beginnend beim Startspieler (2. Phase). Mit den Karten auf der Hand sind nun, in der dritten Phase jeder Runde, verschiedene Aktionen möglich. Als Aktionen gelten der Start einer Handelsfahrt ab Lübeck, das Bewegen der Schiffe in Verbindung mit dem Verkauf von Handelswaren, aber auch das Passen oder Abwerfen von Karten. Aktionen werden übrigens so lange durchgeführt, bis alle Spieler gepasst haben. Um das Spielgeschehen besser zu verdeutlichen, hier ein Beispiel-Spielzug:

In unserer ersten Aktion nehmen wir uns eine Kogge aus dem Vorrat und setzen sie, mit unserem Seemann bzw. Händler versehen, nach Lübeck. Wenn wir wieder and er Reihe sind, bewegen wir eine Kogge, die gerade in Helsingborg steht und unseren Seemann an Board hat (Voraussetzung) nach Bergen und benutzen dazu die Karte „Bergen“. Die gibt uns außerdem an, dass wir in Bergen 6 Gold erlösen. Hätten wir eine Karte „Helsingborg“ gespielt, wären wir stehen geblieben und hätten unsere Ware direkt dort vergoldet. Da auf den Koggen auch die Seeleute der Mitspieler mitfahren können, haben wir in Bergen mit einer gewissen Schadenfreude festgestellt, dass ein Mitfahrer darauf spekuliert hatte, in Helsingborg auszuladen und er für Bergen nun keine passende Karte besitzt. Und rückwärts fährt bei Lübeck nun mal kein Schiff ... Mittlerweile wurde unser zuerst eingesetztes Schiff von Lübeck nach Stettin bewegt und glücklicherweise haben wir diese Hafenkarte auch. Also werden wir schnell dort in unserer dritten Aktion ausladen und Gold kassieren. Wir sehen, dass wir unter den verbliebenen Karten auf der Hand keine mehr haben, die wir noch regelgerecht ausspielen könnten, also werden wir passen. Wir haben Glück gehabt, denn wenn wir passen wollen, dürfen wir nur noch drei Handkarten übrig haben. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätten wir Karten abwerfen müssen und den Wert der Karten hätten wir in Gold als Strafe zahlen müssen. Für diesen Zug können wir uns also beglückwünschen, weil wir ein gutes Kartenmanagement betrieben haben. Das hätte aber auch schief gehen können, wie oben schon angedeutet wurde. Meist geht es dann schief, wenn man der Raffgier bei der Auswahl der Kartenpäckchen nicht entgehen kann und sich die meisten oder die wertvollsten Karten nimmt. Wenn die Mitspieler gut aufpassen, werden sie versuchen zu verhindern, dass man besonders wertvolle Karten auch gewinnbringend umsetzen kann.

Weitere Würze bringen noch diverse Sonderkarten ins Spiel. Manche erlauben, Schiffe in anderen Häfen als Lübeck einzusetzen, was das Spiel dynamischer macht und lange Anlaufphasen verhindert. Verdopplungskarten bringen den doppelten Warenwert, haben aber den Haken, dass sie erst im entsprechenden Hafen in der Folgerunde wirksam werden. Und wenn dann einer das Schiff vorher weiterzieht – Pech gehabt. Die Piratenkarten unterbrechen eine Fahrt abrupt und wer dann Mitfahrer ist, hat keine Möglichkeit mehr, Waren auf dieser Route zu Gold zu machen. Interessant ist die Sonderkarte „Schiffswechsel“, die ein Umsteigen des eigenen Seemannes auf eine andere Kogge erlaubt und dadurch je nach Fahrtroute völlig neue Handelsmöglichkeiten eröffnet.

Sie haben gesehen, dass Lübeck neben Mechanismen, die man kennt, mit einigen Feinheiten aufwarten kann. Gutes Kartenmanagement, Zurückhaltung bei der Auswahl der Karten, vorausschauendes Denken und das genaue Beobachten der Mitspieler sind Fähigkeiten, die einen bei Lübeck weiterbringen und es ermöglichen, die lieben Mitspieler auch mal kräftig zu ärgern. Das Ganze ist in ein schlüssiges Regelwerk eingepackt und hat mit einer Spieldauer von ca. 45 Minuten gerade die richtige Länge. Wenn ich eine Lanze für ein gutes Familienspiel brechen will, das fordert, aber nicht überfordert, das in gewisser Weise komplex aber nicht kompliziert ist und das viele spielwillige Leute ansprechen soll, dann komme ich an Lübeck nicht vorbei.

Leider hat Reiner Stockhausen seinem ersten gelungenen „Spiele-Kind“ aus eigenem Verlag so gar keine schönen Kleider verpasst, sprich die grafische Gestaltung und das Spielmaterial sind doch sehr schlicht geworden und entsprechen nicht dem, was man heute in einer Spielschachtel vorzufinden gewohnt ist. Sicher, Spielplan und Karten sind funktional und dem Spiel dienlich, aber rechte und dem Thema gerechte Spielstimmung will nicht aufkommen. Was die Koggen aus Pappe betrifft, so ist dies ein Rückschritt in die 70er Jahre. Wie schön wären kleine, mit Bohrungen für die Seemänner versehene Holzboote gewesen.

Den Spielspaß trübt das natürlich nicht, aber schade ist es trotzdem. Vielleicht schnellen ja die Verkaufszahlen nach dieser Rezension ins Unermessliche und alle Ausstattungswünsche können von Seite des Verlages locker erfüllt werden ...

Rezension Siegfried Biehler

In Kooperation mit der Spielezeitschrift

Spielerei

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H@LL9000-Bewertungen

H@LL9000 Wertung Lübeck: 3,5 3,5, 4 Bewertung(en)

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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 11.04.10 von Siegfried Biehler
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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 01.03.10 von Stephan Gehres
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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 01.03.10 von Alfons Leierseder
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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 16.01.16 von Michael Andersch - Vielleicht ein bissl lang für das, was es bietet. Die Aufmachung ist leider etwas sehr schlicht und das Material allerbilligste China-Qualität. Allein so einen "Stanzbogen" wir für die Koggen und den Startspielermarker habe ich noch nie gesehen. Schrecklich.

Leserbewertungen

Leserwertung Lübeck: 4,5 4.5, 6 Bewertung(en)

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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 07.03.10 von Olaf Leonhardt - Das Spiel hat mehr, als man denkt ! Man sollte auf die Karten der Mitspieler achten, um dann mit in Schiff zu springen + Gewinne einzufahren !!
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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 17.12.11 von mikewestphal@gmx.de
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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 22.12.11 von Torsten
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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 29.02.12 von Kathrin
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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 07.11.14 von Tim - Nettes, ruhiges Optimierungsspiel mit etwas zu langer Spieldauer.
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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 17.03.19 von felixs - "Lübeck" ist eigentlich ein gutes Spiel. Es geht recht flüssig vor sich, hat keine wesentlichen Längen, das Thema funktioniert halbwegs und die Regeln sind angenehm einfach und zugänglich. Das Material ist das schlimmste, was ich je in einem kommerziell produzierten Spiel gesehen habe. Evtl. hätte das Spiel durch ein wenig redaktionellen Aufwand noch ein wenig mehr Würze bekommen können - ein noch zügigeres Spiel, oder aber ein etwas reduziertes Zufallsmoment hätten dem Spiel gut getan. Ich würde aber nicht ablehnen, wenn jemand "Lübeck" vorschlagen würde.

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