Rezension/Kritik - Online seit 12.10.2021. Dieser Artikel wurde 1539 mal aufgerufen.

Cantaloop: Buch 1: Einbruch in den Knast

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Autor: Friedemann Findeisen
Grzegorz Kobiela
Illustration: Klemens Franz
Johannes Lott
Kerstin Buzelan
Verlag: Lookout Games
Rezension: Franky Bayer
Spieler: 1 - 99
Dauer: 300 - 9999 Minuten
Alter: ab 16 Jahren
Jahr: 2021
Bewertung: 6,0 6,0 H@LL9000
5,3 5,3 Leser
Ranking: Platz 624
Cantaloop: Buch 1: Einbruch in den Knast

Spielziel

Ich muss mich jetzt mal outen. Doch, doch, es muss einfach sein.
Also: Ich habe früher Computerspiele gespielt!
Ha, jetzt ist's raus. Ich fühle mich gleich erleichtert.

Okay, nicht wirklich viel. Und keine Ego-Shooter, keine "Jump & Run" und bloß ein bisschen "Civi" und "SimCity". Dafür aber mit Begeisterung sogenannte "Graphic Adventures wie "Leisure Suit Larry" und "Monkey Island". Dieser ganz spezielle Humor mit viel Selbstironie, das hat mir wirklich Spaß gemacht. Bis ich später entdeckte, dass es noch viel mehr Spaß macht, Brettspiele mit mehreren Leuten zu spielen. Und all jene PC-Spiele, die mich damals einsam an den Bildschirm fesselten, dann ihrerseits in den Regalen vereinsamten.

Nun ist eine Spieleneuheit erschienen, welche die Tradition der alten "Point & Click"-Abenteuer mit einem analogen Brettspiel vereint. Und schon stellt sich mir die bange Frage: Besteht die Gefahr, dass ich wieder rückfällig werde?

Ablauf

Aber noch eine Frage drängt sich auf: Wie kann das eigentlich funktionieren? Wie kann man den Reiz eines digitalen Computerspiels in ein analoges Spiel transferieren? Wie kann man das Aufsuchen von Orten, das Stöbern nach Gegenständen, die Verwendung von Objekten und auch Dialoge ohne Bildschirm und Maus simulieren?

Der Bildschirm wird hier durch ein dickes Abenteuer-Ringbuch dargestellt. Die meisten Doppelseiten zeigen einen bestimmten Schauplatz, allerdings sind anfangs nur wenige erreich- oder betretbar, sie müssen im Laufe des Spiels erst freigeschaltet werden. So muss man etwa zum Betreten des Nachtklubs erst irgendwie am Türsteher vorbeikommen.

Viele Objekte, Personen oder Bereiche von Schauplätzen sind mit Buchstaben und Zahlen versehen. Diese können mit Karten im Besitz des Spielers - also Objekten, welche er mit sich trägt - kombiniert werden. Zu Beginn sind dies lediglich eine Lupe und ein Mobiltelefon, aber durch das Aufsammeln von Gegenständen werden es mit der Zeit recht viele.

Diese Art der Interaktion - das Anschauen von Gegenständen, das Ansprechen von Personen, das Ausprobieren von Werkzeugen, etc. - ergibt einen Code. Diese bestimmte Buchstaben-Zahlen-Kombination kann - entweder am Schauplatz selbst oder einem separaten Bogen (Inventar) - nachgeschlagen werden. Mit einer Rotfolie offenbart sich der darunter verborgene Text. Darin erfährt man, was passiert, erhält Informationen, Hinweise oder neue Gegenstände.

Wie wird aber in einem analogen Spiel das Problem gelöst, dass Orte, Personen und Gegenstände nicht ewig gleich bleiben, sondern sich verändern, je nachdem was geschieht? Eine verschlossene Tür verhält sich ja ganz anders, abhängig davon, ob man dafür einen Schlüssel hat oder nicht. Bei Cantaloop wird dies mit einem Spielbogen zum Abhaken gehandhabt. Viele Texte weisen den Spieler an, bestimmte Felder dieses Bogens anzukreuzen, wodurch der Fortschritt im Spiel festgehalten wird. Einige Texte verwenden dann mehrere Passagen. Je nachdem welche Felder man bereits abhaken konnte, was man also bereits alles erreicht hat, kommt dann ein anderes Ergebnis heraus.

Im Grunde genommen läuft es darauf hinaus, Rätsel zu knacken, Lösungen zu Problemen zu finden, um schließlich das Endziel zu erreichen. Ich werde - wegen Spoiler-Alarms - hier aber nichts weiter verraten. Nur so viel, dass der Spieler unter anderem versuchen muss, irgendwie ins Gefängnis zu kommen und dort auch noch etwas zu erledigen hat. Aber dies verrät ja bereits der Untertitel des Spiels ("Einbruch in den Knast").

Fazit

Die beschriebene technische Lösung mit Buchstaben-Zahlen-Codes und einer Rotfolie ist natürlich wesentlich aufwändiger als ein simpler Doppelklick mit der Maus. Hat man sich aber mal an das Prozedere gewöhnt, läuft alles relativ rasch ab. Allerdings besteht die Gefahr, dass man vorweg schaut, ob es eine passende Kombination geben kann. Dieses Problem des (unbeabsichtigten?) Schummelns kennt man auch aus anderen Spielen, wie etwa bei Unlock!, wo man auf gut Glück blaue und rote Karten miteinander kombinieren kann, was so nicht im Sinne des Autors ist.

Der Spielbogen zum Abhaken ist an und für sich eine Super-Idee, um das Problem des Speicherns der Fortschritte zu bewerkstelligen. Dies verlangt jedoch ein Mindestmaß an Konzentration. Ein falsches Kreuzerl - wie es leider bei uns passiert ist - kann für Durcheinander sorgen. Glücklicherweise konnten wir doch noch alles irgendwie richtig stellen, und das Spiel ordnungsgemäß fortsetzen.

Der Schwierigkeitsgrad der Rätsel ist nicht ganz einfach, und man muss schon einiges ausprobieren oder versuchen, logisch zu kombinieren. Erschwert wird das Ganze, dass man ins Gefängnis selbst aber schon gar nichts (außer der normalen Lupe) mitnehmen darf und man sich überlegen muss, wie man wichtige Utensilien trotzdem hineinschmuggelt. Ein kleiner Tipp: Man sollte sich wirklich alles genau anschauen, praktisch handeln und ständig daran denken, dass sich Beharrlichkeit oft lohnt.

Die Spieldauer ist natürlich stark davon abhängig, wie schnell man die Rätsel knackt. Sie lag bei uns zwischen fünfeinhalb und sechs Stunden, und da waren wir im Vergleich zu anderen eher im unteren Bereich. Man sollte sich also mindestens zwei Abende Zeit dafür nehmen. Ein einziges Rätsel konnten wir nicht ganz von selbst lösen und brauchten einen kleinen Hinweis. Dies zeigte uns, dass das Hilfesystem recht gut funktioniert, auf jeden Fall besser als beim PC, wo ich im vor 30 Jahren noch nicht recht leistungsfähigen Internet nach Lösungen suchen musste.

Neue Karten, die man im Laufe des Spiels erhält, zeigen meist neue Objekte, kombinierte Gegenstände und Veränderungen an Schauplätzen. Daneben gibt es aber auch sogenannte "Auszeichnungen", die man bekommt, wenn man - ich zitiere - "etwas unfassbar Schlaues/Dummes gemacht hat". Diese Karten haben keinerlei Einfluss auf das weitere Spiel, sind aber auf jeden Fall immer einen Lacher wert.

Dies ist die passende Überleitung zum für mich größten Atout des Spiels: dem sagenhaften Humor! Cantaloop setzt dort fort, wo die absoluten Highlights der Graphic Adventures aufhörten, mit viel Witz, jeder Menge Ironie, einer gehörigen Portion Satire und nicht zu vergessen auch ausreichend Selbstverarschung. Immer wieder tauchen aberwitzige Ideen auf, die sich auch über das Ganze lustig machen und Bezug auf Bekanntes nehmen. Da verkraftet man auch gerne, dass die Dialoge teils sehr klischeehaft sind, im Gegenteil, sogar dies trägt stark zur Atmosphäre bei.

Und gerade, weil es so lustig ist, empfehle ich Cantaloop unbedingt zu zweit zu spielen. Für die Computerspiele habe ich anno dazumal stundenlang alleine vor dem Bildschirm gesessen. Die einzige Interaktion mit anderen bestand damals darin, seinen Fortschritt mit Gleichgesinnten zu vergleichen und nachzufragen, wie diese bestimmte Situationen gemeistert haben. Hier hingegen empfand ich es als Bereicherung und als allergrößtes Vergnügen, gemeinsam Lösungen zu suchen. Die Dialoge haben wir abwechselnd vorgelesen, was doppelten Spaß macht und für eine tiefere Immersion sorgt.

Das Beste allerdings zum Schluss: Es ist noch nicht vorbei! Cantaloop - Einbruch in den Knast ist lediglich der erste Teil einer zusammenhängenden Geschichte. Wirt warten schon sehnsüchtig auf den zweiten Teil, um zu erfahren, wie es wohl weitergeht. Wenn dieser uns dann genauso viel Vergnügen bereitet, freue ich mich schon wieder auf fünf bis sechs Stunden allerbester Unterhaltung!

Um auf die eingangs gestellte Frage zurückzukommen: Ja, auch dieses interaktive Abenteuerspiel kann süchtig machen! Aber glücklicherweise (?) wird uns dies vom Verlag nur wohl dosiert geboten. Wäre ja schlimm, wenn plötzlich der Markt von solchen Spielen überschwemmt würde ...

Rezension Franky Bayer

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H@LL9000-Bewertungen

H@LL9000 Wertung Cantaloop: Buch 1: Einbruch in den Knast: 6,0 6,0, 1 Bewertung(en)

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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 03.10.21 von Franky Bayer - Hätte nicht gedacht, dass man das Gefühl und den Humor alter Graphic Adventures trotz etwas mühsamerer Handhabung so gut in ein Brettspiel ummünzen kann. Freue mich schon auf den 2. Teil. Volle Punktezahl!

Leserbewertungen

Leserwertung Cantaloop: Buch 1: Einbruch in den Knast: 5,3 5.3, 3 Bewertung(en)

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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 14.02.21 von andreas - Was für ein grandioses Spiel. Wer die Point & Click Adventure der 90er auf dem PC gezockt hat, wird dieses Spiel lieben. Tolle Aufmachung, coole Sprüche, schöne Rätsel. Es ist ein Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Ich will mehr.....
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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 15.03.21 von JonTheDon - Tolles Spiel mit den typischen Vor- und Nachteilen eines Point&Click-Adventures inkl. Frust- und Erfolgsmomenten. Musste wegen des (für meine Augen) unsympathischen Coverhelden erst durch euphorische Kommentare im Netz angelockt werden. Innen aber passende und schicke Grafik. Tolles Hilfe- und Fortschrittssystem.
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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 27.03.21 von Rodriguez - Tolles System, um das bisweilen auch etwas umständliche Spielgefühl eines alten 90-er-Jahre Point and Click zu rekreieren. Die Story ist witzig, die Grafiken und Gimmicks cool, mich störte nur dass wir ziemlich oft nicht wussten was wir jetzt eigentlich tun sollen, und mehr als einmal dachten wir nach Blick in die Hilfe: "wie soll man denn darauf kommen???", da es teils keine wirklichen Hinleitungen zu einigen der Lösungen gibt. Bin aber relativ sicher dass das schon beim zweiten Teil runder läuft. Von beiden Seiten ;-)

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