Spielziel
Ich bilde mir ein, einigermaßen gut zeichnen zu können. Dies bringt mir aber leider nicht nur Vorteile. In Spielen, bei denen es darauf ankommt, mit ein paar wenigen Strichen einen Begriff darzustellen, gehen mir langsam die Mitspieler aus, da sie sich durch mein "künstlerisches" Talent benachteiligt fühlen und sich von vorneherein keine Chancen ausrechnen (was dann auch meistens zutrifft).
Aber jetzt kann ich aufatmen. Das neueste Party-Zeichenspiel Krakel Orakel beschreibt sich erstens als "Zeichenspiel für alle, die nicht zeichnen können", zweitens ist es kooperativ, sodass die Spieler gemeinsam verlieren oder gewinnen. Na also, da kann ich mich wohl auf motivierte Mitspieler und ein paar spannende Partien freuen ...
Ablauf
In der quadratischen Schachtel finden wir genau jenes Material vor, das wir von so einem Spiel erwarten: Folierte Tafeln zum Kritzeln ("Krakel-Tafeln"), abwischbare Stifte ("Krakel-Stifte") mit darauf montierten Schwämmchen, sodass wir die Zeichnungen leicht wieder wegwischen können. Und natürlich jede Menge "Orakel-Karten" (240 Stück), auf denen je zwei Begriffe stehen, ein leichter auf hellem, und ein etwas schwierigerer auf schwarzem Hintergrund. Zusätzlich benötigen wir noch einen Timer, beispielsweise ein Handy mit entsprechender Funktion.
Auch der Spielablauf überrascht uns zunächst nicht. Nachdem wir den Schwierigkeitsgrad für diese Partie gewählt haben, spielen wir 4 Runden. Jede Runde besteht dabei aus zwei Phasen: Dem "Krakeln" und dem "Orakeln".
Das "Krakeln" verläuft genau so, wie wir es schon tausend Mal erlebt haben: Wir ziehen eine Karte vom Stapel und müssen nun den darauf angegebenen Begriff zeichnerisch darstellen. Dafür haben wir höchstens zwei Minuten Zeit. Allerdings - und das ist der eigentliche Clou - dürfen wir nur die gepunkteten Linien auf unserer Krakel-Tafel verwenden. Wenigstens dürfen wir sowohl die Seite der Tafel (Vorder- oder Rückseite) als auch die Ausrichtung frei wählen. Sind wir fertig, schieben wir die Tafel etwas in die Tischmitte und markieren mit dem Stift, wo auf unserem "Chef d'Oeuvre" oben und unten sind, wie es also betrachtet werden sollte.
Das "Orakeln" hingegen gestaltet sich dann doch etwas anders als wir es gewohnt sind. Zwar werden, wie bei vielen anderen Spielen dieses Genres (etwa Krazy Pix von Ravensburger) noch neutrale Orakel-Karten unter die verwendeten Karten gemischt und anschließend alle Karten offen ausgelegt.
Nun gilt es für uns nicht mehr, die Krakeleien der Mitspieler den ausliegenden Begriffen richtig zuzuordnen. Vielmehr muss reihum jeder Spieler eine der Orakel-Karten aus der Auslage entfernen, von der er glaubt, dass sie zu keiner Zeichnung passe. Dies geschieht so lange, bis nur mehr genau so viele Orakel-Karten wie Zeichnungen ausliegen. Jetzt wird überprüft, wie viele Karten fälschlicherweise entfernt wurden. Jede davon zählt 1 Fehlerpunkt.
Nach vier Runden, welche auf dieselbe Weise gespielt werden, endet die Partie. Haben wir im Spielverlauf höchstens so viele Fehlerpunkte gemacht, wie Personen mitspielen, haben wir als Team gewonnen. Anderenfalls haben wir gemeinsam verloren.
Fazit
Malen und gleichzeitig raten, welche Begriffe die Mitspieler wohl gezeichnet haben könnten - diese Aufgabe wir in den meisten Spielen dieser Art eher kompetitiv ausgetragen. Soll heißen: Wir bemühen uns, dies besser zu bewerkstelligen als unsere Mitspieler und mehr Punkte zu erzielen als diese.
Krakel Orakel weicht diesbezüglich wohltuend von diesem Schema ab. Indem wir kooperativ vorgehen, wird das größte Manko von Partyspielen ausgemerzt, bei denen wir kreativ, künstlerisch und fantasievoll vorgehen müssen. Nämlich, dass viele Personen eben weniger kreativ, künstlerisch oder fantasievoll sind als andere. Gemeinsames Spielen schwächt nun mal individuelle Leistungen ab. Das ist gut so, denn Partyspiele leben ja vom gemeinsamen Erleben, bei dem es weniger um schnöde Siegpunkte geht, weniger aufs Gewinnen oder Verlieren ankommt als auf den Spaß, auf die Unterhaltung.
Originell und ein Alleinstellungsmerkmal sind auch die gepunkteten Linien. Diese geben vor, wo wir überhaupt Striche und Punkte setzen dürfen. Dies schränkt uns doch sehr ein und verhindert freies Draufloszeichnen. Dass es aufgrund dessen ein "Zeichenspiel für alle, die nicht zeichnen können" sein, wie es groß auf der Schachtel steht, kann ich so allerdings nicht unterschreiben. Wir brauchen nach wie vor ein Mindestmaß an Vorstellungskraft, an Fantasie und an Kreativität, um erkennen zu können, mit welchen Linien wir einen Begriff darstellen können, welche nützlich sind, etc.
Um Krakel Orakel im Team spielen zu können, musste die Auswertungsphase - das "Orakeln" - ebenfalls angepasst werden. Dass wir jetzt nicht sofort eine Orakel-Karte einer Kritzelei zuordnen, sondern allmählich - in einer Art Ausschlussverfahren - Begriffe entfernen, die (hoffentlich) nicht zu den ausliegenden Kunstwerken passen, ist ein absolut gelungener, fast schon genialer Kniff. Auch spielerisch ist dies relevant, so können wir den Mitspielern durch Aussortieren einer anderen Karte bei ähnlichen oder verfänglichen Begriffen unter die Arme greifen.
Krakel Orakel ist für 3 bis 8 Personen geeignet, so viel Spielmaterial (Tafeln und Stfite) finden sich auch in der Schachtel. In kleinerer Besetzung - zu dritt oder bloß zu zweit - müssen jedoch ein paar Regeländerungen vorgenommen werden. In unseren Runden gefielen diese Anpassungen nicht so gut, beispielsweise bei denen wir zwei Begriffe getrennt voneinander auf derselben Krakeltafel unterbringen müssen. Wir finden dies zu restriktiv, weshalb wir uns eine Hausregel ausgedacht haben: Wir zeichnen wie gehabt bloß einen Begriff, decken dafür aber doppelt so viele neutrale Orakelkarten auf, was das richtige "Orakeln" ein wenig erschwert.
Insgesamt ein tolles und höchst unterhaltsames Partyspiel, besonders für Familien und Gelegenheitsspieler. Die Jury hat wieder einmal ein gutes Händchen bewiesen, Krakel Orakel heuer auf die Nominierungsliste zum "Spiel des Jahres" zu setzen, denn in den angepeilten Zielgruppen kommt es - laut meinen Erfahrungen - uneingeschränkt gut an.
Rezension Franky Bayer
Anmerkung: Zur besseren Lesbarkeit der Texte verwenden wir häufig das generische Maskulinum, welches sich zugleich auf weibliche, männliche und andere Geschlechteridentitäten bezieht.