DIE H@LL9000 - REPORTAGE: 

Nachrichten aus Essen
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Essen, 18. Oktober 2007: Essen, man muss es so leider so deutlich schreiben, begann am Donnerstag enttäuschend. Hatten wir uns doch ein perfektes logistisches System ausgedacht, um die Messe direkt mit Franz Benno Delonges letztem Spiel Container zu beginnen. So trafen wir zwar als erste am Stand ein und hätten an mehreren Tischen parallel spielen können. Leider waren diese leer - sehr leer. Der freundliche Aussteller von Valley Games erklärte darauf hin, dass das Spiel im Zoll stecken geblieben sei. Zum unserem Pech hatten wir aber Plan B bereit: Den Hans im Glück Verlag. Über dessen neueste Spiele gibt es weiter unten mehr zu lesen.

Überhaupt scheint im Zoll ein spielebegeisterter Geist zu hausen. Denn auch einige andere Verlage hatten noch freie Flächen in ihren Regalen vorzuweisen. Z.B. die Hive Erweiterung oder Robotics von Pegasus sind wahrscheinlich erst am Wochenende erhältlich. Am Nachmittag gab es übrigens Entwarnung: Die Container sind jetzt eingetroffen.


Messepanorama
 
Beim Testen von Ming Dynastie wurden prompt die Rollen getauscht. Denn heute wurden wir Testspieler getestet. Während wir mit den Regeln kämpften (ein besonders lustiger Redakteur hatte die Idee, die Spielregel in zwei parallel zu lesende Hefte aufzuteilen), beobachtete uns vergnügt ein freundliches Pärchen (auf dem Foto ist Robert F. Watson zu sehen). Schließlich verrieten sie, dass unsere Auslegungsversuche wohl richtig seien und entpuppten sich als Autoren des Spiels. Sie vermuteten schon, dass die gedruckte Regel das Spiel fast unspielbar machte. Das ist schade, da Ming Dynastie eigentlich schöne Ansätze hat. Hier könnte die Redaktion den Autoren ein Bein gestellt haben.

Bleiben wir bei Spielregeln. Unvergessen ist auch das schöne Titicaca von Cwali, dessen Regel eigentlich nur per mündlicher Überlieferung weitergegeben werden kann. Der gedruckte Text erinnert mehr an moderne Lyrik. Gipsy King greift nun den Mechanismus von Titicata vereinfacht wieder auf. Zumindest die Erklärung klingt gut, wenn jetzt noch die gedruckte Regel lesbar ist, sollte man Cornés neues Spiel mal ausprobieren. Sein letztjähriger Titel Factory Fun ist mittlerweile übrigens fast ausverkauft.

Ein Trend im Vorfeld der Messe, ist der um sich greifende Vorbestellungswahn. Da es dieses Jahr noch mehr Vertriebspartnerschaften gibt, sind Vorbestellungen eigentlich nicht notwendig. Ehemals bereits zu Messe-Beginn ausverkaufte Titel sind nun allgemein verfügbar. Zum Beispiel kooperiert der R&D Verlag von Richard Breese nun mit Abacus.

Das im Eigenverlag produzierte Spiel des Isensee-Verlages dreht sich dieses Jahr um ägyptische Ausstellungen. Ich bin mir zwar noch nicht sicher, ob das Spiel rund funktioniert, die Karten sind aber sehr schön gestaltet und hochwertig gedruckt. Da es auch nur 6€ kostet, könnte ein genauerer Blick lohnen.

Was könnte sich noch lohnen anzuschauen? Einige Male hörten wir Berichte von den Japanern. Das Spiel R-Eco könnte einen Blick wert sein. Vielleicht schaffen wir es in den nächsten Tagen ja mal, beim kleinen Stand in Halle 4 vorbeizuschauen. Fairy Tale hatte uns seinerzeit wirklich begeistert. Mal schauen, welche weiteren Überraschungen es aus diesem Land zu entdecken gibt.

Unterschiedliches war von den Tschechen zu hören. Im vorigen Jahr machte Through the Ages durchaus Furore. Dieses Strategie-Spiel hatten wir erst nach der Messe kennen gelernt. Jetzt soll es eine Neuauflage geben, die aber leider in Essen noch nicht erhältlich ist. In diesem Jahr werden insgesamt vier Titel aus Tschechien vorgestellt, wobei sich diese auf zwei Verlage verteilen. Während wir von The Guild of Merchants und Laboriginals eher Verhaltenes gehört haben, sind wir gespannt auf Galactic Trucker und Sechsstädtebund. Vielleicht gelingt es ja, eine Probepartie einzulegen. Einen eher ungünstigen Standort hat der Stand: In der so genannten Galeria hinter Halle 4 sind hauptsächlich die Hüpfburgen und weiteren Action-Belustigungen für Kinder untergebracht. Es steht zu befürchten, dass nur wenige Spieler hier zufällig vorbeischlendern. Gut gefüllt war der Stand der Tschechen dennoch.

Im Übrigen gibt es am Freitag noch ein paar Restexemplare von Through the Ages zu kaufen. Nach einer Preisverleihung um 17.00 sollen sie laut Ankündigung erwerbbar sein. Der Preis war noch nicht zu erfahren. Ich wünsche allen Interessenten viel Glück und warte selber auf die Neuauflage.

Neuauflagen und Spezialversionen sind auch im Trend, viele gute Spiele der letzten Jahre gibt es nun als Deluxe Ausgabe. Für die Messe wurden auch einige Großspiele produziert, z.B. von Caylus.


Spieleindrücke

 

Unser Einstieg in die Essener Spieletests bildete Down Under vom Bambus Spieleverlag. Da die reguläre Auflage leider bis zur Messe nicht fertig wurde, brachte Günter Cornett einige handgefertigte Exemplare mit. Der Spielbarkeit tat dies keinen Abbruch. Jeder Spieler hat einen gleichen Satz an quadratischen Spielkarten, die entweder zwei Kurven oder zwei Geraden zeigen. Je eine Wegstrecke ist in der Spielerfarbe, die andere stellt ein neutrales Stück dar, das später für den eigenen Weg mit verwendet werden kann. Wer durch das Erweitern des eigenen Weges innerhalb des begrenzten Spielfeldes zum Schluss die längste Strecke erreicht, gewinnt das Spiel. Der Pfiff ist jedoch, dass durch gezielte Einbeziehung bestimmter neutraler Strecken mit den darauf abgebildeten Symbolen zusätzliche Sieg- oder Minuspunkte erreicht werden können. Das Spielziel erinnert an Tsuro, allerdings enthält Down Under wesentlich mehr strategische Elemente und erfordert einen guten Überblick. Insgesamt eine Veröffentlichung, die in unserer Testrunde sehr gut ankam.

Ebenfalls am Mittwochabend vor der Messe konnten wir bereits das im Vorfeld heiß erwartete Cuba testen. Mit vorsichtigen Erwartungen startete unsere erste Partie, die erst nahezu drei Stunden später beendet werden sollte. Kein Wunder, dass man auf der Messe am Donnerstag erst sehr wenig von Cuba hörte: Vermutlich wurde Cuba, besonders die Sonder-Edition in der Zigarrenkiste, häufig am Stand von eggertspiele blind gekauft. Wir verraten hier bereits, ob sich dieser Überraschungskauf gelohnt hat. Nach einer Runde kann man zwar nur feststellen, dass man unter den enorm vielen Möglichkeiten nur einen Bruchteil tatsächlich ausloten konnte. Einen guten Überblick und eine sorgfältige Planung ist unerlässlich: Wer nicht weitsichtig genug plant, erleidet Verluste etwa durch Verrottung der Waren oder weil die Nachfrage auf den Schiffen bereits von anderen Spielern befriedigt wurden. Der eigene Plantagenplan wirft zunächst Rohstoffe und Baumaterialien ab, deren Felder man nach und nach durch die Gebäude abdecken muss. Auch die unzähligen Kombinationsmöglichkeiten der Gebäude lassen viel Spielraum für Überlegungen. Moderate Glückselemente spielen durch die Schiffe mit ihren zufällig gezogenen Waren-Nachfragen hinein, sowie durch die Reihenfolge, in der die Gesetze ins Spiel kommen. Über letztere entscheidet ein Spieler, der zwei von vier Gesetzen tatsächlich in Kraft treten lässt. Hier hat man die Wahl: Verlässt man sich darauf, mit den Entscheidungen der Anderen klarzukommen? Oder versucht man, das Ruder selbst in die Hand zu nehmen? Cuba stellt ein strategisches Schwergewicht dar. Es ist kaum möglich, nach nur einer Partie Strategie-Überlegungen anzustellen. Man bekommt aber Lust auf mehr, um das Spiel mit unterschiedlichen Ansätzen auszuprobieren.

Als nächstes testeten wir die beiden Neuheiten von Hans im Glück. Die Carcassonne-Erweiterungen stehen nicht in unserem Fokus. Unser Abenteuer mit der Spielregel kann man weiter oben nachlesen. Das Kartennachziehen, das Einbringen von Spielfiguren auf den Spielplan (dies geschieht durch die Reise mit der Hauptfigur), sowie die anschließende Mehrheitenwertung innerhalb der Provinzen bieten sehr viele Entscheidungsmöglichkeiten. Sehr schnell steht man sich gegenseitig im Weg herum, und immer wieder muss man die eigenen Pläne abändern und ständig Alternativen im Blick haben. Die nicht unerhebliche Spieldauer bot jedoch keinen sehr hohen Spannungsbogen. Eine zweite Partie würden alle von uns spielen, eine direkte Kaufempfehlung können wir jedoch nicht abgeben.

In punkto Kaufempfehlung ist eine klare Aussage möglich bei Oregon, das als nächstes unter die Lupe kam. Der Mechanismus, in einem Rechteck-Raster bestimmte Zeilen und Spalten aktivieren zu können, um Gebäude bauen oder im Schnittbereich Figuren einsetzen zu können, ist durchaus interessant. Blöd ist es nur, wenn man lauter identische Karten zieht, und somit nur sehr wenig Wahl hat, wo auf dem Spielplan die nächsten Aktionen erfolgen können. Einhellig wurde dieses zu hohe Glückselement abgelehnt. Längerfristige Planungen sind nicht möglich. Schade, denn durch den Gebäudebau hätten interessante Entscheidungsnöte aufkommen können, denn jeder Neubau punktet nicht nur für eigene Figuren, sondern auch für die der Mitspieler in der direkten Umgebung. Umso größer war übrigens unsere Überraschung, als wir abends auf der Fairplay-Liste genau diesen Titel sehr weit oben sahen. Eine Kaufempfehlung sprechen wir hier definitiv nicht aus.

Ebenfalls mit Spannung erwartet wird sicher von vielen Spielern der neueste Ystari-Titel Amyitis. Beim Aufbau der hängenden Gärten von Babylon für die Titel gebende Königin Amyitis müssen die Spieler das richtige Management aus Rohstoff-, Geld- und Kamel-Nachschub hinbekommen, um Siegpunkte über den Bau von Gartenabschnitten zu erhalten. Da es unterschiedliche Entwicklungsmöglichkeiten gibt, die durch ihre Knappheit auch nie alle allen Spielern zur Verfügung stehen, muss man flexibel sein und die eigene Strategie immer wieder anpassen. Insgesamt kam Amyitis in unserer Runde durchaus gut an. Die weiteren Spieletests werden jedoch zeigen, welche Ausbauten wohl welche Siegchancen bieten.


Zu guter Letzt
 

Habt ihr Kritik - Fragen - Anregungen - Lob - Ideen - Tipps? Dann kommt doch am Samstag an den Stand von Hall9000. Denn an diesem Tag wollen wir die Spiele zu uns kommen lassen und werden das Angenehme mit dem Schönen verbinden und bei Hall9000 standspielen.

Einen Schnäppchentipp gibt es auch noch: Time's up wird wohl jetzt verramscht und wurde für 5€ gesehen. Heißer Zusatz-Tipp: Zuschlagende Extremspieler können sich hier unsere Erweiterung Game's up herunterladen.

Sogar einen Kauf unter dem Ladentisch haben wir getätigt: Das Buch Blazing Aces von Reiner Knizia hatten wir in einer Ankündigung erspäht und mussten beim FRED Distribution Stand geschickt nachfragen, um eines der wenigen Exemplare ergattern zu können. Nachdem wir bereits Knizias Buch Dice Games Properly Explained empfehlen können, sind wir gespannt auf seine ähnlich aufbereitete Ausführungen zu Kartenspielen.

Was gibt es morgen zu lesen? Auf jedem Fall berichten wir über Hamburgum (uns gefällt's) - ein Spiel mit 24 überflüssigen Holzplatten.

Es gibt nun auch den Chili Verlag. Dessen Aufsteiger-Spiel Climber soll nicht nur einen Blick sondern auch einen Kauf Wert sein. Wenn möglich versuchen wir morgen eine Testpartie

Kathrin und Peter Nos