DIE H@LL9000 - REPORTAGE: 

Nachrichten aus Essen
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Essen, 20. Oktober 2007: Samstags ist es auf der Messe bekanntlich voll - sehr voll. Ob es in diesem Jahr noch voller oder weniger voll war als sonst, wissen wir noch nicht. Gefühlt sind vielleicht nicht ganz so viele Besucher gekommen wie in den Vorjahren.

Beim Spielen merkten wir die ersten Müdigkeitserscheinungen. Um den Spielfluss aufrecht zu halten, nutzen wir deshalb modernste multisensorische Techniken: Am Ende seines Zuges stupst der aktive Spieler seinen linken Nachbarn kurz an, um ihn in die spielerische Realität zurückzuholen. Damit lassen sich natürlich Rückschlüsse auf die Qualität der heute gespielten Spiele ziehen. Beim Studium der heutigen Ersteindrücke wird man diese Vermutung bestätigt finden. Bitte überbewertet diese Wertungen aber nicht. Was im Messestress langweilig oder unbedeutend erscheint, kann später noch interessant werden. Ein verhaltenes Fazit bedeutet manchmal nur, dass hier mal wieder das Gute Opfer des Besseren wurde.


Messepanorama
 
Den gesamten Tag verspielten wir wie angekündigt am Stand von Hall9000. Alle zwei Stunden gab es eine kleine Unterbrechung, da dann unser Spieltisch 20 Minuten lang für ein Würfelbingoturnier benötigt wurde. Bis auf kleinere Unterbrechungen durch Preisverleihungen von Gewinnspielen und Real-Life-ODW-Spielen wurden wir aber nicht gestört. Der Großteil des Publikums war am aktuellen Stand des Spielebarometers interessiert. Bis zum Abend wurden die Ergebnisse immer klarer: Agricola und Hamburgum, Cuba und Im Jahr des Drachen sind die Renner in der Spielergunst. Die Fairplay Messescouts kamen übrigens zu sehr ähnlichen Ergebnissen. Hoffentlich ist dies ein Qualitätszeichen der beiden Befragungsarten (viele Noten mit großer Streuung vs. wenige, wahrscheinlich vertrauenswürdigere Noten).


Spieleindrücke

 

Der öffentliche Geheimtipp der Messe sind dieses Jahr wieder die beiden tschechischen Verlage Czech Board Games und Czech Games Edition. Dem Sechsstädtebund standen wir skeptisch gegenüber. Grund ist das Thema: Als Steuereintreiber sollen wir uns beim König einschleimen, indem wir effektiv die Bevölkerung auspressen und dem Herrscher seinen Anteil bringen. Jetzt mal ehrlich: Ich will kein Finanzbeamter sein, schon gar nicht in meiner Freizeit. Sicherlich sind die Beamten im Finanzamt eine wichtige Säule der modernen Gesellschaft (besonders in der Einkommensteuerabteilung in Sinsheim, falls einer mitliest, hüstel - hüstel). Ich möchte aber auch keinen Softwareentwickler spielen. Pirat möchte ich in meiner Phantasie sein, vielleicht auch Löwenbändiger oder Holzfäller, aber kein Bürokrat.
Zurück zum Thema: Wir sind Steuereintreiber und durch flottes Versteigern mit Knappen versucht sich jeder Spieler in einer Stadt niederzulassen. Der Versteigerungsmechanismus erinnert entfernt an Evo, Amun Re oder Vegas Showdown. Danach pressen wir neue Knappen, Wirtschaftsgüter, Pferde und Ständekarten aus der eroberten Stadt und bringen sie zum König. Trickreich können die Waren nun in der königlichen Schatzkammer eingelagert werden. Wer besonders schnell ist (d.h. viele Pferde in der Stadt vorfand) kann noch auf einige Extrapunkte hoffen. Das Ganze wiederholt sich sechs Mal. Und das ist der Haken des eigentlich interessanten Mechanismus: Die Runden bieten kaum Abwechslung, mehr oder minder spielt man 6 Einzelspiele hintereinander. Wenn noch etwas Abwechslund in den Ablauf kommen würde, könnte das Spiel richtig gut werden. Bis dahin bleibe ich bei meiner Meinung: Ich will kein Steuereintreiber sein.

Wadi ist ein abstraktes Spiel um die Bewässerung eines Dreistromlandes. Eine große Welle fließt die Flüsse hinab und die Spieler müssen schnell Brunnen bauen und das vorbeiströmende Wasser in die Landschaft pumpen. Reihum hat man zwei Aktionen, die auf Pumpenbau und Wasserpumpen aufgeteilt werden können. Mit den Pumpen nimmt man auch Einfluss auf Landschaftsplättchen und eine Abstandsregel sorgt für eine gewisse Exklusivität der bewässerten Gebiete. Nach 20 Minuten ist das Spiel vorbei, und wer die meisten Bewässerungssiegpunkte sammeln konnte, gewinnt. Die einfache aber stimmige Regel sorgt für kurzweiligen Spielspaß. Mal wieder weiß ich nicht, ob man das Spiel unbedingt kaufen muss, unter den heutigen Spielen ist es aber mein Favorit.

Bei dem assoziativen Wortspiel Linq müssen die Spieler mit Begriffen subtile Hinweise auf ihnen zugeordnete Wörter geben. Je zwei Spieler bekamen nämlich den gleichen Begriff. In zwei Hinweisrunden darf geraten werden, wer zu wem gehört. Kleine Asymmetrien und eine komplizierte Wertung sollen noch etwas Pfiff in das Spiel bringen. Zumindest zu viert floppte es jedoch. In einer deutlich größeren Runde könnte jedoch Spaß aufkommen (Werwölfe funktioniert ja auch nicht in zu kleiner Runde). Vielleicht kommen daher auch die extrem unterschiedlichen Bewertungen, die wir aus verschiedenen Quellen zu hören bekamen. Für die normale Runde mit vier Personen kann man das Spiel jedoch nicht empfehlen.

Mit Hilfe von Poker-Kombinationen versucht man bei Chicago Poker, das Geschäft in verschiedenen Business-Zweigen zu übernehmen. Echtes Poker-Feeling kommt jedoch nicht auf. Denn statt einen Showdown durchzuführen, muss man sich entscheiden, mit welchen Karten man sich wo beteiligt. Bis zu drei Karten kann man pro Zug ablegen, allerdings muss man mit diesen drei Aktionen auch für Kartennachschub sorgen. Mit den zur Verfügung stehenden Handkarten, sowie den teilweise verdeckten Auslagen lässt sich kaum kalkulieren. Poker-Feeling kommt jedenfalls keines auf. Nachdem ein paar Angebote zur Übernahme von Geschäften erfolgreich nicht abgelehnt werden konnten, brachen wir das Spiel ab. Ein sich entwickelnder Spannungsbogen deutete sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht an.

Kurz vor der nächsten Würfelbingo-Runde am Hall9000-Stand war gerade noch genug Zeit, um Didi Dotter probe zu spielen. Zu jedem Symbol gibt es ein Ei mit zwei Hälften, die verdeckt in der Tischmitte gemischt werden. Alle spielen gleichzeitig und versuchen, passende Eierhälften zusammenzusuchen. Alle richtig zusammengesetzten Eier im eigenen Karton erlauben das Umdrehen des passenden Symbols, vom dem jeder einen vollständigen Satz vor sich liegen hat. Wer zuerst alle eigenen Symbole umdrehen konnte, gewinnt das Spiel. Dieses niedliche und hervorragend ausgestattete Hektik-Spiel erinnert entfernt an Affen Raffen und knüpft thematisch an das bekannte und bewährte Konzept der Zicke Zacke Hühnerkacke Spiele an.

Die Lamont Brothers reisten in diesem Jahr mit einer auf 2.500 Exemplaren aufgestockten Auflage an. Vom Vorgänger Hameln gab es letztes Jahr noch 1.000 Schachteln. Grund war die abzunehmende Menge an Hirsch-Figuren, die es nur im 10.000er-Pack zu kaufen gab. Im Gespräch am Stand gaben sich die Verlagsinhaber jedoch optimistisch, einen genügend großen Absatz erzielen zu können. Heute konnten wir dieses Spiel testen. In einer Planungsphase entscheidet man sich für die Aktionen und deren Reihenfolge. Ziel ist es, sich mit einer bestimmten Menge an Hirschkühen zu paaren. Unerlässlich für den Spielsieg ist außerdem ein erfolgreich überstandener Platzkampf mit einem der anderen Hirsche. Insgesamt hinterließ Antler Island ein verhaltenes Spielgefühl: Mechanismus und Rundenablauf sind leichtgängig. Der Kampfmechanismus ist etwas verwirrend und führt häufig zu Rückzügen. Taktische Möglichkeiten sind vorhanden.





Der Matagot-Verlag - im vorigen Jahr mit Khronos im Gepäck nach Essen angereist - lädt in diesem Jahr nach Utopia ein. Sowohl Spielregeln als auch Material zeigen, dass hier gelernt wurde. Eine Qualitätssteigerung ist deutlich zu verzeichnen. Weitere redaktionelle Bearbeitungen hätten jedoch nicht geschadet, denn die Übersichtlichkeit lässt noch zu wünschen übrig. Auf vier Inseln werden so genannte Gäste in eigenen Spielerfarben eingesetzt. Vorgegebene Kombinationen dieser Personen müssen erreicht werden, um Monumente oder Weltwunder einsetzen zu können. Erstere punkten Runde um Runde entsprechend eines veränderlichen Siegpunktschemas. Zweitere punkten beim Bau weiterer Monumente. Die zum Sieg erforderliche Punktzahl scheint nach den ersten Runden noch weit entfernt zu sein, doch nach weiteren Runden nimmt das Spiel an Tempo auf. Insgesamt spielt es sich durchaus interessant, wenn es auch nicht zu Begeisterungsstürmen führt. Das tolle Material wiegt aber die unübersichtliche sonstige Gestaltung nicht auf.

 


Zu guter Letzt
 

Nach 23 Spielen - das 24-te wird gerade gespielt (Im Jahr des Drachen: Die Daumen von Stefan, Kathrin und Thilo zeigen verhalten nach oben und das heißt schon was für unsere Runde) - beenden wir nun die tägliche Berichterstattung von der Spielemesse. Als nächstes warten wir auf die Ersteindrücke aller anderen Hall9000 Leser und brechen morgen Nachmittag zum angekündigten Spieleurlaub auf.

Wer hat andere Eindrücke, kontroverse Meinungen oder noch bessere Spiele entdeckt? Tragt bitte wie in den vergangenen Jahren eure Ersteindrücke und Noten ein. Besonders würden wir uns über etwas Feedback zu unseren Berichten freuen (bitte per Mail an die Redaktion, siehe Link unten links auf dieser Seite).

Zwei Dinge bleiben als Resumee: Die in diesem Jahr im Vorfeld in großen Mengen online erhältlichen Spielregeln erwiesen sich im rauen Messestress als wenig hilfreich. Im Trubel muss man die Regeln doch nochmal lesen und meist war das Spielgefühl ein anderes, als das aus der Regel erwartete.

Essen 2007 ist ein Schlaraffenland für Freunde komplexer Spiele. Gute Familienspiele haben wir nur wenige gesehen. Allenfalls Darjeeling könnte für größere Kreise interessant sein. Vielleicht bieten aber die Neuerscheinungen von Kosmos, Ravensburger, Zoch oder Goldsieber noch ein paar familientaugliche Überraschungen. Wir mussten aus Zeitmangel die großen Verlage dieses Jahr fast komplett ignorieren. Zu viele andere Spiele lockten.

Kathrin und Peter Nos