Rezension/Kritik - Online seit 24.12.2010. Dieser Artikel wurde 6647 mal aufgerufen.

Age of Industry

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Autor: Martin Wallace
Verlag: Treefrog Games
Rezension: Michael Timpe
Jahr: 2010
Bewertung: 5,0 5,0 H@LL9000
5,0 5,0 Leser
Ranking: Platz 399
Age of Industry

Spielziel

Das Leben war hart im Zeitalter der Industrialisierung, doch aus spielerischer Sicht auch sehr spannend. Innovative und vorausschauende Unternehmerpersönlichkeiten schafften es in dieser Zeit, quasi aus dem Nichts heraus spätere Weltkonzerne zu gründen. Martin Wallace lässt uns dieses Thema nachspielen und hat dazu sein beliebtes Wirtschaftsspiel Kohle (Brass) überarbeitet und in deutlich gestraffter Form als Age of Industry neu herausgebracht.

Ablauf

Vor uns liegt eine Deutschlandkarte, auf der die wichtigsten Städten bzw. Regionen dargestellt sind, farblich zu fünf verschiedenen Gebieten zusammengefasst. An diesen Orten sind je nach Größe und wirtschaftlicher Bedeutung Bauplätze vorgegeben, auf denen wir im Spiel unsere verschiedenen Industrien bauen können. Jeder Spieler erhält eine eigene Auslage mit sechs verschiedenen Industriebereichen, jeder Bereich mit sechs Gebäuden in drei aufeinanderfolgenden Stufen.

Wir beginnen das Spiel - wie so oft bei Spielen von Wallace - erst mal mit leeren Händen, oder zumindest ohne Geld. Lediglich einige Regions- und Industriekarten erhalten wir am Anfang zufällig zugeteilt, die entweder den Bau einer beliebigen Industrie in einem Gebiet einer bestimmten Farbe oder den Bau einer bestimmten Industrie in einem beliebigen Gebiet erlauben.

Ich spiele nun eine Karte aus und baue an der dadurch bestimmten Position eine Industrie, beispielsweise eine Eisenwerk. Das Geld dazu muss ich mir erst mal von der Bank leihen. Auf meine Eisenhütte kommen drei Eisenspielsteine. Nachfolgend baue ich eine Eisenbahn zu einer Nachbarstadt und baue dort ein Kohlebergwerk. Auch auf dieses Bergwerk kommen drei Kohlespielsteine.

Im weiteren Spielverlauf kosten Eisenbahnen und die meisten Fabriken neben dem Kaufpreis immer auch Eisen und/oder Kohle, die - soweit verfügbar - von eben solchen Werken auf dem Spielfeld genommen werden müssen. Für diese Rohstoffe bezahle ich kein Geld, trotzdem hat der Besitzer der Werke an meinem Verbrauch ein Interesse, denn sobald von seinem Werk der letzte Rohstoffstein genommen wurde, wird es zur Kennzeichnung auf die Rückseite gedreht und er erhält einen kleinen Betrag ausbezahlt. Da die Werke zumindest zu Spielbeginn immer erst mal kreditfinanziert sind, muss ich natürlich darauf achten, dass die Rohstoffsteine möglichst schnell verbraucht werden.

Sobald mein Werk abgeräumt ist, erhalte ich dann eine Einmalzahlung, die leicht höher ist als die Baukosten. Ein einfaches Kohlewerk bringt beispielsweise gerade mal fünf Taler, hat aber schon zwei gekostet. Das muss reichen, um den Kredit zurück zu zahlen, und auch noch die allfälligen Zinsen von einem Taler je Kredit und Runde. Gute Vorausplanung, was den allgemeinen Rohstoffbedarf der nächsten Runden angeht, zahlt sich also aus.

Neben den Werken, die die Rohstoffe liefern, gibt es noch weitere Industrien wie Häfen, Textilfabriken und Industriegüter, die ich bauen kann. Für die beiden Letzteren brauche ich nach dem Bauen noch einen aktiven Hafen, um liefern zu können und dabei meine Einnahmen zu bekommen. Hafen und Fabrik werden dann ebenfalls umgedreht, können also jeweils nur einmal genutzt werden. Die Einnahmen aus diesen Industrien sind im Vergleich zu Eisen und Kohle zwar etwas höher, da aber auch die Investitionen höher sind und sehr häufig über mehrere Runden auf Kredit finanziert werden, geht auch viel von dem Gewinn wieder für die Zinsen drauf.

Neben dem finanziellen Gewinn sind aber auch die Siegpunkte von entscheidender Bedeutung, die jede Industrie auf dem Spielplan bringt. Und hier kommen die eingangs erwähnten drei Stufen ins Spiel: Denn mit jeder Stufe bringen die Werke am Ende mehr Siegpunkte, und zwar in aller Regel die entscheidenden Punkte. So kann auch ein finanziell unwirtschaftliches Werk am Ende doch noch lohnend sein.

Das Spielende wird durch das Ende des Baukartenstapels eingeleitet. Das Eisenbahnnetz jedes Spielers wird abschließend in seinen Geldwert umgerechnet, Bargeld und die Punkte der gebauten Industrien auf dem Spielbrett ergeben das Endergebnis.

Soweit zum Spielverlauf. Um mich vom Vorwurf der groben Unvollständigkeit freizusprechen, möchte ich anmerken, dass ich den Spielverlauf hier stark vereinfacht und wirklich auf die wesentlichsten Elemente reduziert dargestellt habe. Spielreihenfolge, Eisenbahn und Industrienetzbau, Rohstoffmarkt und mehr habe ich ausgelassen, um die Spielbeschreibung in erträglicher Länge zu halten. Es sei aber drauf hingewiesen, dass das Spiel noch eine Reihe weiterer Elemente bzw. detaillierterer Regeln enthält, die für einen „runden“ und gut funktionierenden Wirtschaftskreislauf sorgen.

Fazit

Herr Wallace, ich habe ein Problem. Ich würde gerne mal Kohle spielen, um es vergleichen zu können, aber seit es Age of Industry gibt, weigern sich schlicht alle, Kohle noch mal zu spielen. Ich muss daher hier gestehen, die beiden Spiele nicht miteinander vergleichen zu können. Was ich aber eindeutig behaupten kann: Age of Industry hat mich, und auch eine Reihe meiner regelmäßigen Mitspieler, ziemlich gepackt.

Der Wirtschaftskreislauf ist wirklich gut austariert und entwickelt sich jedesmal wieder spannend. Angebot und Nachfrage sind wesentliche, spielbestimmende Elemente, die sich in verschiedenen Runden immer wieder anders entwickeln. Besonders gut gefällt mir dabei, dass es zwar keine direkte Interaktion gibt, dafür aber um so mehr indirekte. Eine Spielstrategie, die nicht auf die Mitspieler achtet, ist ziemlich aussichtslos, und so kann nicht jeder einfach nur an der Optimierung seines eigenen Zuges arbeiten, sondern muss auch immer die gesamte Entwicklung mit im Blick haben. Dadurch bleibt man permanent am Spielgeschehen beteiligt, immer damit beschäftigt, die Auswirkungen auf den nächsten Spielzug zu kalkulieren.

Die unterschiedlichen Industrien haben jede ein anderes Potenzial und es gilt genau im Auge zu behalten, in welche Richtung sich die anderen Spieler entwickeln, um die eigene Entwicklung optimal darauf abzustimmen. Wird von den Mitspielern viel Kohle und Eisen ins Spiel gebracht, kann man sich auf die teureren Industrien konzentrieren. Haben wiederum schon zwei Spieler sich für diese Strategie entschieden, kann der Ausbau von Häfen eine gute Investition sein. Oder man wechselt opportunistisch zwischen Kohle und Erz, je nachdem, wo die Nachfrage gerade höher ist. (Allerdings gewinnen Opportunisten selten). Der Bau des eigenen Eisenbahnnetzes ist ebenfalls wichtig und will rechtzeitig genügend beachtet werden, da es einem sonst schnell passiert, dass man von den lieben Mitspielern eingebaut wurde und man mit den eigenen Karten in seinen Baumöglichkeiten plötzlich ziemlich eingeschränkt ist.

Die Spieldauer hält sich mit etwa zwei Stunden für ein Wirtschaftsspiel dieser Art gut im Rahmen. Natürlich bietet es genügend Potenzial, vom allseits gefürchteten Grübelspieler unerträglich in die Länge gezogen zu werden, aber für eine solche Spielrunde kann das Spiel ja eigentlich nichts. Ansonsten trägt der Spannungsbogen gut über die Zeit und vermittelt ein knackiges Spielgefühl. Da die einzelnen Züge meist recht schnell gehen und kaum Zeit für die Spielverwaltung verloren geht, ist man schnell wieder an der Reihe. Einzige Ausnahme: Wer in der Spielreihenfolge vom ersten auf den letzten Platz rutscht, was durchaus vorkommt, muss sich etwas gedulden.

Abhängig von der Spielerzahl erfährt das Spiel kleine Einschränkungen in der Bewertung: Vier Spieler empfinde ich als optimal. Zu fünft funktioniert es ebenfalls, aber dann werden die Baumöglichkeiten, besonders gegen Ende, sehr eingeschränkt. Das führt dann mitunter dazu, dass das ansonsten akzeptabel kleine Glückselement, welche Baukarten man zieht, stark an Bedeutung gewinnt. Grundsätzlich sind die regionsbezogenen Baukarten besser als die industriebezogenen, da sie den Spielern eine größere Flexibilität einräumen. Für Industriebaukarten von einer Gruppe, die man gar nicht bauen will, hat man am Ende meist keine Verwendung mehr. Ich empfinde das als unschön, denn ein solches Spiel will ich nicht durch Glück oder Unglück beim Kartenziehen entschieden sehen.

Zu dritt funktioniert das Spiel nach meiner Meinung ebenfalls weniger optimal. Hier gibt es auf dem Spielplan einfach zu viel Bauplätze, der Konkurrenzdruck lässt stark nach. Der Blick auf die Spielstrategie der Mitspieler wird wesentlich weniger wichtig. Anders ausgedrückt: Zu dritt verändert sich das Spiel deutlich, ich fand, es verliert wesentlich an Spannung. Ich empfehle für diese Spielerzahl, entweder die Kartenanzahl oder die Bauplätze zu reduzieren, also z. B. die Städte mit drei und vier Bauplätzen jeweils um einen Platz zu reduzieren. Mit einem alternativen Spielplan wäre Age of Industry sicher auch gut zu dritt oder fünft spielbar, der aktuelle Plan scheint mir aber wie gesagt für vier Spieler optimiert.

Das Spielmaterial in der Deluxe Edition ist - wie zu erwarten - gut. Die Grafik eher schlicht, aber funktional. Die Spielregeln sind ausführlich und verständlich, bisher haben wir nur ein kleine Ungenauigkeit entdeckt. Für ein Spiel dieser Komplexität ein durchaus gutes Ergebnis.

Alles in allem ist Age of Industry ein sehr gutes Wirtschaftsspiel, das mit hohem Anspruch herausfordert, ausreichend unterschiedliche Taktiken anbietet und dabei trotzdem nicht zu komplex oder streng ist. Dass ein Spieler wegen Überschuldung aus dem Spiel fällt, kommt eigentlich nicht vor, und in unseren Runden waren die Endergebnisse meist sehr knapp. Und dass es sich dabei um ein reinrassiges Vielspielerspiel handelt, sollte hoffentlich aus meiner Beschreibung deutlich geworden sein.

Rezension Michael Timpe

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H@LL9000-Bewertungen

Age of Industry: 2 H@LL9000-Bewertungen, Durchschnitt: 5,0 5,0

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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 13.10.10 von Michael Timpe - Wertung gilt für vier Spieler, zu dritt oder fünft würde ich einen Punkt abziehen
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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 20.12.10 von Michael Dombrowski

Leserbewertungen

Age of Industry: 10 Leserbewertungen, Durchschnitt: 5,0 5.0

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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 25.12.10 von Detlef Vanis
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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 28.12.10 von Paul Arnesen - anspruchsvoll, spannend, gut. Nichts für Leute, die zu faul zum Denken sind ;-)
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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 30.12.10 von generationX - Der Spieleinstieg ist leichter als bei Brass (Kohle), aber die Spieltiege bleibt bestehen. Ein tolles Spiel das viele weitere spannendende und taktische Runden garantiert! Schließe mich im übrigen der Meinung von Herrn Arnesen an :-)
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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 12.02.11 von Catman - Der Kohlenachfolger kann dem Orginal auch nicht annähernd das Wasser reichen. Ein alternativer Spielplan für Kohle hätte mir höchstwahrscheinlich sehr viel besser gefallen. Das mehr als kompakte Regelwerk, die dürftig erstellten Spielertafeln ( extrem dünn ) und der hohe Preis lassen keine gute Berwertung zu . Wenn man schon eine Eigenkopie herausbringt, dann doch bitte etwas mehr Mühe investieren. Ich bin enttäuscht.
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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 12.02.11 von Ernst-Jürgen Ridder - Nicht einfach ein abgespecktes Brass/Kohle, sondern eine Neubearbeitung; zwar ohne Kanalphase, dafür aber z.B. mit Seefahrt. Ein gelungenes Spiel mit beachtlicher Spieltiefe und doch einfacherem Einstieg als bei Brass/Kohle. Es geht auch zu zweit; es gibt da zwar erst gegen Ende echte Konkurrenz, es macht aber trotzdem Spaß. Dann herrscht nicht gerade "Ellenbogen"-Wettbewerb, es wirkt eher wie ein ruhiges Aufbauspiel, bei dem es darauf ankommt, wer das besser macht, ehe man sich wirklich in die Quere kommt. Da ich meist mit meiner Frau zu zweit spiele, ist das gerade recht. Das Material ist völlig ok, in der limitierten Edition mit Holz- statt Plastikgeld und mit netten Holzloks statt Papp-Schienenplättchen. Einzig die Spielertafeln sind doch so arg dünn, dass ich sie vorsichtshalber laminiert habe.
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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 09.06.11 von Wolfram Dübler-Zaeske - Super gemacht! Der leichtere Einstieg ist gerade für Werktätige die nach der Arbeit spielen wollen ideal. Das Material ist gut, besser jedenfalls als bei manch anderem Verlag.
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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 24.08.11 von Alexander v. Südhessen - Das einzige was ich im Karton vermisse, ist ein kleiner Block für die Endabrechnung. Aber das Spiel hat zu Recht den International Gamer Award gewonnen! Skaliert mit 3,4 und 5 Spielern gut und hinterlässt am Ende die typischen, angenehmen Spielerfragen.
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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 13.07.13 von Sebastian Pro - Kohle oder Age of Industry? Kohle oder Age of Industry? BEIDE! Ha! Es sind beides super Spiele, wer das eine liebt, der spielt das andere auch sehr gerne. Kohle ist eine glatte 6. Age of Industry spiele ich gerne mit Neulingen oder wenn es in 2 Stunden durch sein muss. Auch dafür eine 5,5. Da es die aber nicht gibt nehme ich nochmal die 6! (Da es sehr schöne Erweiterungen gibt! Und die sind wirklich klasse!)
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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 01.10.13 von Peter R. - Die Erwartungen die ich an "Age of Industry" gesetzt hatte, wurden leider nicht erfüllt. Es wurde von vielen Seiten als "Kohle Light" angepriesen. Und es wurden auch einige Abläufe des Spiels vereinfacht, aber für mich an der falschen Stelle. Ich vermisse das Geldmanagement wie in Kohle, welche um einiges stimmiger und nicht wirklich komplexer war. Ausserdem will sich nicht so recht dieselbe Spannung aufbauen, wie ich sie bei Kohle erlebe. Habe abwechelnd beide Spiele mehrmals gespielt. Aber für mich blieb der Spielspaß "flach". Komisch das Ganze, aber ich bleibe doch lieber bei Kohle. Deshalb von meiner Seite ein ganz persönliches, nein Danke!
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Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 10.02.14 von Friedrich

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