Rezension/Kritik - Online seit 23.05.2017. Dieser Artikel wurde 4536 mal aufgerufen.

Jórvík

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Autor: Stefan Feld
Verlag: eggertspiele
Pegasus Spiele
Stronghold Games
Rezension: Franky Bayer
Spieler: 2 - 5
Dauer: 45 - 90 Minuten
Alter: ab 10 Jahren
Jahr: 2016
Bewertung: 5,0 5,0 H@LL9000
4,0 4,0 Leser
Ranking: Platz 1562
Jórvík

Spielziel

In Jórvík leiten wir das Geschick eines Wikingerstammes, der sich in Nordengland niedergelassen hat. Über die vier Jahreszeiten eines Jahres versuchen wir, unseren Einfluss auf den Handel in und um Jórvik zu stärken, indem wir die Handwerksleute mit Waren ausstatten, die eingeschifft wurden, Handel treiben, Raubzüge durchführen und auch helfen, die Stadt vor den hinterhältigen Angriffen der Pikten zu verteidigen.

Wieso bloß kommt mir beim Spielen trotz des eindeutig normannischen Hintergrundes ständig die Stadt Hamburg in den Sinn?

Ablauf

Grundsätzlich geht es bei Jórvík darum, Karten zu erwerben, welche einem auf die eine oder andere Weise Einkommen oder - noch wichtiger - Siegpunkte bescheren sollen. Diese Karten werden anfangs nach den unterschiedlichen Rückseiten sortiert, welche den vier Jahreszeiten Winter, Frühjahr, Sommer und Herbst entsprechen. Getrennt voneinander gemischt bilden sie anschließend in der richtigen Reihenfolge übereinander gestapelt das Kartendeck.

Das Spiel verläuft dann über mehrere Runden, die sich in vier Phasen gliedern. In der Angebotsphase werden Karten vom Kartendeck gezogen und auf die der Spielerzahl entsprechenden Kartenfelder gelegt. In der Nachfragephase stellen die Spieler dann reihum ihre Wikingerfiguren auf den Spielplan, um ihr Interesse an den verfügbaren Karten zu bekunden. In der Kaufphase können die Spieler die Karten in der vorher bestimmten Reihenfolge kaufen. Und schließlich erhalten die Spieler in der Verladephase Einkommen und verladen ihre erhaltenen Waren.

Das Kernelement des Spiels ist der originelle Bietmechanismus. Wer Interesse an einer ausliegenden Karte hat, stellt eine seiner Figuren in der Nachfragephase auf das erste freie Feld unterhalb dieser Karte. Jede weitere Figur - auch desselben Spielers - wird auf das nächste freie Feld darunter gestellt. In der Kaufphase hat der Besitzer der obersten Figur zuerst das Recht, die Karte zu erwerben. Die Kosten richten sich dabei nach der Anzahl aller Figuren unterhalb der Karte. Kann oder will der Spieler die Karte nicht kaufen, nimmt er seine Figur zurück und der nächste Spieler hat die Möglichkeit, die Karte zum nun reduzierten Preis zu kaufen.

Die Karten haben die unterschiedlichsten Funktionen:

  • Kriegerkarten helfen im Kampf gegen die Pikten
  • Schiffskarten bringen ihrem Käufer Waren (zufällig aus einem Beutel gezogen)
  • Handwerkskarten wandeln gewisse Warenkombinationen in Punkte um
  • Händlerkarten lassen bestimmte Waren gegen Bares verkaufen
  • Gelagekarten bringen Siegpunkte je nach Anzahl an veranstalteten Festen
  • Raubzugkarten sorgen am Ende für direkte Siegpunkte
  • Skaldenkarten sind in der finalen Wertung Siegpunkte für bestimmte Dinge wert
  • Gebäudekarten bringen Vorteile während des Spiels (z. B. mehr Lagerkapazität)

Besonderheit stellen die Karten "Angriff der Pikten" dar. Wird so eine Karte aufgedeckt (es kommen insgesamt 4 Karten im Kartendeck vor), müssen sich sofort alle Spieler dieser Bedrohung stellen. Wer mit seinen Kriegern den höchsten Verteidigungswert erreicht, erhält die angegebenen Siegpunkte, während der Spieler mit dem niedrigsten Verteidigungswert entsprechend viele Siegpunkte verliert.

Ist der Kartenstapel aufgebraucht, wird die Runde noch zu Ende gespielt. In einer abschließenden Wertung gibt es noch Punkte für Handwerker, Gelage, Raubzüge und Skalden. Der Spieler, der auf der Punkteleiste am weitesten vorangeschritten ist, hat sich als der geschickteste Stammesführer herausgestellt und gewinnt das Spiel.

Fazit

Und? Kommt Ihnen da ebenfalls irgendwas bekannt vor? Haben Sie auch so ein gewisses Déjà-vu? Richtig, Jórvík ist haargenau dasselbe Spiel wie Die Speicherstadt. Ich habe die Kartenverteilung für die einzelnen Jahreszeiten penibel miteinander verglichen, und es gibt tatsächlich bezüglich ihrer Funktion absolut keinen Unterschied zum Eggert-Spiel aus dem Jahre 2010. Es wurden lediglich die Begriffe geändert und an den Wikinger-Alltag angepasst.

Warum es eine Neuauflage mit neuem Thema gibt, kann ich mir nur damit erklären, dass die Hamburger Speicherstadt in Birmingham, Marseille, Rom und Barcelona wahrscheinlich wenig Interesse hervorruft, während Wikinger immer und überall attraktiv sind. Es dürfte sich also um eine Marketing-strategische Maßnahme handeln. Finde ich okay, denn so kommen auch Briten, Portugiesen, Italiener und alle anderen Europäer in den Genuss dieses Spiels.

Der Grundmechanismus hat sich jedenfalls eine weite Verbreitung verdient. Auf einfachste und zugleich spielerisch interessante Weise werden Angebot und Nachfrage geregelt, eine innovative und originelle Lösung, die auch für viel Interaktion sorgt. Attraktive Karten lassen den Preis in die Höhe schnellen. In der anschließenden Kaufphase stehen die Spieler meist vor kniffligen Entscheidungen, ob sie eine Karte teuer kaufen oder zu einem reduzierten Preis einem Mitspieler überlassen sollen. Da steckt viel Spannung und Nervenkitzel drinnen. Es gibt noch andere Kniffe und Tricks, welche ich aber den Leser lieber selbst entdecken lasse.

In diesem Zusammenhang fällt auf, dass der jeweilige Startspieler stark benachteiligt ist. Spieler, die in der Zugreihenfolge weiter hinten sind, können sich's mit ihrer letzten Figur noch etwas besser richten, entweder weil sie vernachlässigte Karten günstig abstauben können, oder indem sie den Preis einer Karte für Mitspieler unerschwinglich oder weniger lukrativ machen.

Letzteres passiert sehr häufig, denn Geld ist stets eine knappe Ressource. Zwar hat man anfangs fünf Münzen, bekommt in Folge aber regulär bloß eine einzige Münze in der Einkommensphase. Manchmal macht es somit Sinn, auf den Kauf einer Karte zu verzichten, denn wer in einer Runde keine Karte erhält, bezieht ein um eine Münze höheres Einkommen.

Die Lagerkapazität ist ebenfalls eng bemessen. Gerade mal eine Ware kann eingelagert werden, ansonsten kann man Waren nur über Händler verkaufen, direkt auf Handwerkskarten ablegen oder im Verhältnis 3:1 gegen eine andere Ware tauschen. Kann man eine Ware auf keine dieser Arten verwenden, muss sie ersatzlos abgegeben werden. Die genaue Abwicklung der Verladephase ist etwas kompliziert geraten, dient aber dazu, dass alles korrekt abläuft.

Das bis jetzt beschriebene Spiel wird als "Karl"-Spiel (so nannten die Wikinger die Bauern) bezeichnet. Jórvík beinhaltet aber noch eine Variante für Fortgeschrittene: das "Jarl"-Spiel (Jarl steht für Adelige). Dabei wird auch mit dem oberen Teil des Spielplans gespielt, der zusätzliche Kartenfelder bietet. Dadurch kommen doppelt so viele Karten zum Einsatz. Viele Karten finden sich nun öfter im Stapel, aber auch neue Karten sind darunter, unter anderem Druiden, welche Waren direkt in Siegpunkte verwandeln lassen, neue hilfreiche Gebäude und Verräter, mit denen man seine Mitspieler ärgern kann.

Was diese "Jarl"-Variante aber wirklich anspruchsvoller macht, ist ein zusätzlicher Bietmechanismus. Auf die Felder des oberen Spielplanteils darf nämlich nur ein einziger Spieler seine Figur setzen. Die derart "reservierte" Karte kommt sofort auf das erste noch freie Reservierungsfeld. In der Kaufphase können dann die Spieler der Reihe nach ihre reservierten Karten erwerben. Der Preis richtet sich nach der Anzahl aller ausliegenden Karten auf den Reservierungskarten. Auch hier sinkt der Preis für jede spätere Karte. Diese Regelung birgt viel Ärgerpotenzial. Wer eine Karte unbedingt haben will, muss sich früh dafür entscheiden, riskiert aber, dass der Preis mit jeder weiteren Reservierung steigt. Ein echtes Dilemma, welches tatsächlich eine höhere Herausforderung darstellt.

Wer bereits im Besitz der Speicherstadt und der später erschienenen Erweiterung Kai-Speicher ist, kann sich die Anschaffung von Jórvík sparen, denn beides zusammen entspricht 1:1 dem "Jarl"-Spiel. Allen anderen kann ich das Spiel - auch wegen der schönen Gestaltung - wärmstens empfehlen. Ich persönlich besitze nur das Grundspiel und bin recht froh über die Neuauflage von Pegasus, weil sie für mehr Interaktion, Abwechslung und knifflige Entscheidungen sorgt.

Rezension Franky Bayer

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H@LL9000-Bewertungen

H@LL9000 Wertung Jórvík: 5,0 5,0, 2 Bewertung(en)

Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz Kommentar
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 21.01.17 von Franky Bayer - Neuauflage von der Speicherstadt (Eggert Spiele 2010). Origineller und höchst interaktiver Bietmechanismus. Aufgrund der beinhalteten, noch kniffligeren Experten-Variante (entspricht der Speicherstadt-Erweiterung Kaispeicher) gebe ich die Spielreiz-Note 5.
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz Kommentar
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 23.05.17 von Rene Puttin - Exakt genauso wie die Speicherstadt, bis auf das Thema. Die Speicherstadt war schon ein tolles Spiel, dieses ist es ebenfalls. Die beiligende Erweiterung "Kaispeicher" macht das Spiel noch etwas variabler, aber auch deutlich länger. Wir spielen lieber ohne!

Leserbewertungen

Leserwertung Jórvík: 4,0 4.0, 2 Bewertung(en)

Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz Kommentar
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 21.02.17 von Daniel Noé - Speicherstadt reloaded - Der Bietmechanismus ist großartig, das Verteilen der Rohstoffe von Schiffen auf die Handwerker fühlt sich dafür aber leider an wie Da Luigi - schwach - Dennoch macht das Spiel Spaß und besitzt eine überschaubare Tiefe und Spieldauer ohne dabei völlig prophan zu sein. Knappe 4 Punkte
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz Kommentar
Aufmachung Spielbarkeit Interaktion Einfluss Spielreiz 25.05.17 von Hans Huehnchen - Die Speicherstadt in neuem Gewand. Mir gefällt gut, dass die Erweiterung direkt dabei und das Spielbrett deutlich größer geworden ist, so dass es alle Karten aufnehmen kann. Das neue Thema passt nicht so richtig, aber verglichen mit dem steril gestalteten Spielbrett und der fast schon hässlichen Kartengrafik stört mich das weniger.

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